Wertschätzung statt Lob in der Schule

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Super!

Eine gute Leistung!

Sehr gut!

Lob kommt uns in der Schule schnell über die Lippen, wenn sich Schüler:innen ‚gut‘ verhalten. Auch unter Klassenarbeiten ist ein solcher Kommentar fix geschrieben, wenn es eine ‚gute‘ Note gibt. So hast du als Lehrer:in ein gutes Gefühl, weil du auch die positiven Dinge ansprichst.

Wenn es schnell gehen muss, ich aber trotzdem ein nettes Wort loswerden will, rutscht mir auch ein „Super!“ raus. Aber wo liegt jetzt das Problem, fragst du dich? Das möchte ich dir in diesem Blogartikel zeigen – und eine passende Alternative zum Lob.

So viel vorweg: Lob steht starken Beziehungen eher im Weg, Wertschätzung dagegen macht den Weg frei.

Lob bezieht sich auf Verhalten und Leistung

Lob zielt (genauso wie Tadel) auf ein bestimmtes Verhalten ab. Du hast Regeln in der Klasse aufgestellt und wenn sich jemand daran hält, lobst du das mit „Du hast heute andere ausreden lassen, gut gemacht!“.

Welche Schlussfolgerung kann ein Kind daraus ziehen? Es wird sich merken, dass es sich richtig verhalten hat. Vielleicht auch, dass es richtig ist, wenn es das tut. Das wird an einer Äußerung wie „Du bist höflich“ noch deutlicher.

Künftig wird es also wieder höflich sein (wobei noch unklar ist, was das genau bedeutet) oder andere ausreden lassen, weil das richtig zu sein scheint. So sieht jedenfalls dein Plan aus.

Übrigens habe ich über Klassenregeln hier einen eigenen Artikel geschrieben.

Soweit so gut, oder?

Beziehung auf Augenhöhe durch Wertschätzung

Wenn du zu deinen Schüler:innen starke Beziehungen aufbauen möchtest, ist Lob eher hinderlich. Es setzt nämlich immer ein Machtgefälle voraus. Sonst bräuchtest du kein Lob. Stell‘ dir einmal vor, du bist in einer Doppelbesetzung und deine Kollegin verteilt im Unterricht die Arbeitsblätter an die Kinder. Würdest du ihr sagen: „Gut gemacht!“? Nein, das wäre ziemlich seltsam!

Du würdest dich wahrscheinlich dafür bedanken. Deine Kollegin und du, ihr habt eine Beziehung auf Augenhöhe. Deshalb drückst du deine Wertschätzung aus, indem du einfach „Danke!“ sagst.

Lob drückt ein Urteil einer fähigen Person gegenüber einer unfähigen Person aus. Diejenige, die lobt, sitzt quasi am längeren Hebel.

‚Naja, ich sitze als Lehrerin eben am längeren Hebel‘, denkst du jetzt? Klar, deine Position ist mit institutioneller Macht verknüpft. Ich möchte dir zeigen, wie du diese Macht nutzen kannst, damit sich deine Schüler:innen als Menschen gesehen fühlen. Du kannst gleichwürdige Beziehungen auch in der Schule aufbauen.

Eine persönliche Aussage von Mensch zu Mensch

Wenn regelkonformes oder erwünschtes Verhalten belohnt wird, wird das einzelne Kind austauschbar. Es macht keinen Unterschied, ob du „Toll gemacht!“ zu Schüler A oder Schülerin B sagst.

Lob bezieht sich außerdem auf Strategien oder Leistungen eines Kindes. Wertschätzung gilt hingegen dem Kind selbst. „Lara, ich bin stolz auf dich, dass du deine Lösung präsentiert hast! Deine Geschichte hat mich berührt.“ Eine solche Rückmeldung zeigt die eigenen Gefühle.

Bei Marshall Rosenberg findet sich eine Art Schablone, die du für dich in der Formulierung nutzen kannst. Die gewaltfreie Kommunikation, für die er sich eingesetzt hat, besteht demnach aus der Beobachtung (1), deinem Gefühl (2), deinem Bedürfnis (3) und ggf. einer anschließenden Bitte (4).

Bsp: „Du hattest heute beide Elternbriefe wieder unterschrieben dabei. (1) Da war ich erleichtert (2), weil mir Klarheit für die weitere Planung wichtig ist (3).“ Eine Bitte wäre hier vielleicht gar nicht nötig, möglich wäre z.B.: „Würdest du deinen Eltern mein ‚Danke‘ für die schnelle Reaktion weitergeben?“ (4)

Über die gewaltfreie Kommunikation wirst du hier künftig mehr lesen und lernen, deshalb belasse ich es bei diesem kurzen Einschub.

Lob macht abhängig

Aus dem Machtgefälle beim Lob folgt automatisch, dass die Person ‚oben‘ den Maßstab setzt. Was ist richtig, falsch, gut oder böse? Das entscheidet die Person, die mehr Macht hat. Nimmt ein Kind das Lob an, ordnet es sich zugleich dem moralischen Maßstab unter.

Deshalb macht Lob auf Dauer abhängig. Wenn Schüler:innen einen Stein im Brett der Lehrkraft haben wollen, beginnt das Einschmeicheln. Interessant übrigens, dass dieses Verhalten aber gar nicht gern von Lehrkräften gesehen wird…

Das Kind lernt Selbstwirksamkeit

Jeder Mensch möchte einen Beitrag zur Gemeinschaft leisten. Das liegt in uns. Unsere Schüler:innen sind da keine Ausnahme. Wie finden sie heraus, ob sie einen Beitrag leisten? Indem sie von anderen hören, dass sie für sie einen Unterschied machen. Indem sie erleben, dass sie ok sind, wie sie sind, auch ohne etwas Außergewöhnliches getan zu haben.

Hierzu noch ein Beispiel: „Danke, dass du heute Morgen Mika und Sarah geholfen hast, ihre Materialien wiederzufinden. So war es für mich ganz leicht, den Morgenkreis vorzubereiten.“ Ein Lob wäre: „Toll, wie hilfsbereit zu heute Morgen warst!“

Wertschätzung stärkt die Autonomie und Selbstwirksamkeit des Kindes. So wird es nicht abhängig von deinem persönlichen Wertmaßstab.

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Wieso machen das dann nicht alle so?

Wir sind selbst mit Lob und Tadel groß geworden. Es ist schwer, dieses tief verinnerlichte System loszuwerden. Der erste Schritt ist also, deine eigene Kommunikation zu reflektieren. Wie kannst du deinen Schüler:innen mitteilen, dass sie ok sind, wie sie sind? Dass sie einen Beitrag zur Gemeinschaft leisten? Wie können die Schüler:innen es sich untereinander sagen?

Eine wunderbare Gelegenheit für wertschätzende Worte ist die Zeugniszeit. Schenke deinen Schüler:innen doch ein Herzenszeugnis, das ich in drei Varianten für dich vorbereitet habe!

Mir ist völlig klar, dass Belohnungssysteme unter Umständen das Mittel der Wahl sind, weil sie schnell Wirkung zeigen können. Darin liegt der Reiz für viele Lehrer:innen, weil ein bunt zusammengemischter Haufen Kinder in einem Raum manchmal schwer zu bändigen ist. The struggle is real 😉

Dann kann parallel zunehmend auf eine wertschätzende Sprache geachtet und das Belohnungssystem ersetzt werden. Die gewaltfreie Kommunikation (GfK) nach Rosenberg ist wunderbar, um mit Kindern Bedürfnisse und Gefühle zu erkunden.

Überstürze nichts

Wenn du Belohnungssysteme einsetzt und dir nun Zweifel kommen: Überstürze nichts. Du hast dir dabei etwas gedacht. Vielleicht besprichst du nun mit der Klasse, warum dir manche Regeln wichtig sind oder warum es für die Klasse sinnvoll sein kann, dass ihr bestimmte Regeln habt.

Nimm sie mit auf dem Weg zu mehr Wertschätzung – das ist an sich schon sehr wertschätzend 😊 Was finden sie vielleicht doof an dem System? Dann könntet ihr bei diesem Punkt starten und eine Alternative festlegen.

Jeder Schritt zählt, es geht nicht um Perfektion. Ich wünsche dir viel Verbundenheit mit deinen Schüler:innen auf dem Weg zu mehr Wertschätzung!

Deine Ann-Marie

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