Wieso sind Lehrerinnen häufig emotional erschöpft? – Über Gefühlsarbeit

Wieso sind Lehrerinnen häufig emotional erschöpft? - Über Gefühlsarbeit

Von früh bis spät betreibe ich Akquise. Ich akquiriere zum Zähneputzen, Anziehen, Frühstücken, Autogurt Anschnallen. Dann bin ich Motivator für Aufgaben, das gemeinsame Lesen von Texten, eine neue Übung mit Bewegung im Raum. Nach der Schule leiste ich Überzeugungsarbeit für eine Runde an der frischen Luft, das Aufheben und Wegräumen von Jacken und Schuhen, fürs gemeinsame Abendessen. Ach ja, und wieder Zähneputzen, Umziehen, überhaupt ins Bett Gehen.

Manchmal ist es leicht und einfach. Manchmal fühlt es sich so an, als würden neben meinem Bett beginnend Hürden stehen. Die muss ich nehmen, um durch den Tag zu kommen. Wenn der Kleine nach dem Aufwachen Widerstand gegen alles hat, das fehlende Freundebuch der Großen zum Wutausbruch im Auto führt, die 7c nach meiner Stunde noch eine Arbeit schreibt und der EF-Kurs in der Stunde davor bereits eine geschrieben hat.

Ich halte Ungeduld, Genervtsein, Müdigkeit, Ärger zurück. Bei all diesen Tätigkeiten geht es nicht um meine Wenigkeit, sondern um den mehr oder weniger reibungslosen Ablauf des (Schul-)Tages.

Was ist Gefühlsarbeit?

Im letzten Artikel „Mental Load im Lehrerjob – Frauen sind doppelt getroffen“ ging es darum, wie die unendliche gedankliche To-Do-Liste viele Frauen mürbe macht. Heute möchte ich mich in dem Zusammenhang mit Gefühlsarbeit beschäftigen: Meistens sorgen Frauen dafür, dass sich alle wohlfühlen. Dabei regulieren sie dauernd ihre eigenen Gefühle. Das betrifft den privaten und den beruflichen Bereich. Wir werden weiter unten sehen, wieso der Lehrerberuf eine besondere Rolle spielt.

Auf die Schnelle fand ich für ‚Gefühlsarbeit‘ gar keine eindeutige Definition. Hier wurde ich dann fündig:

Beide gehen in der Begriffsdefinition auf die Arbeit von Arlie Russel Hochschild zurück:

beziehungsweise Schule

Gefühlsarbeit

Im ursprünglichen Sinne: Arbeit, die wir leisten, um unsere eigenen Gefühle zu steuern

Besonders im beruflichen Kontext ist das relevant, wenn z.B. Flugbegleiter:innen ihr freundliches Service-Lächeln aufrechterhalten – auch wenn ihnen nicht danach ist. ‚Um des lieben Friedens willen‘ nehmen Frauen die Bedürfnisse ihres Gegenübers bei ihrer Kommunikation vorweg, federn mögliche Verstimmungen ab. Sie versetzen sich empathisch in andere hinein.

Gefühlsarbeit als Teil von Care-Arbeit

Im Laufe der Zeit wurde der Begriff auf den privaten Bereich ausgeweitet. Auch hier geht es darum, dass es allen gut geht, dass die Atmosphäre stimmt. Im Umgang mit Kindern tun wir das z.B. automatisch, weil sie mit und durch uns ihre eigene Gefühlsregulation erst erlernen. Es ist Teil von Care-Arbeit, die eben meistens von Frauen geleistet wird. Laura Fröhlich definiert Care-Arbeit so:

„Unbezahlte Hausarbeit und die Pflege von Kindern oder Verwandten und das Kümmern um diese (…). Auch Pflegeberufe und Kinderbetreuung fallen unter diesen Begriff. Er beinhaltet zudem die Beziehungspflege, also den Kontakt zu Verwandten und Freunden sowie die Elfenarbeit.“

Die Frau fürs Leben ist nicht das Mädchen für alles, S. 30.

Diese Arbeit ist nicht nur unbezahlt, sondern vor allem unsichtbar. Deshalb erfährt sie gesellschaftlich kaum Wertschätzung. Dabei kann ihre Bedeutung für unsere Gesellschaft, im Kleinen wie im Großen, gar nicht oft genug betont werden. Gefühlsarbeit bzw. Care-Arbeit sind der Kleber, der eine Gesellschaft zusammenhält. Ohne sie würde alles zusammenbrechen, wie auch Gemma Hartley schreibt.

Und wie sind Mental Load und Gefühlsarbeit miteinander verwoben?

„Es ist nicht mit Gefühlen verbunden, To-Do-Listen zu schreiben und an Termine zu denken. Allerdings habe ich mir oft Sorgen gemacht, wichtige Dinge zu vergessen. (…) Sicher kennst du das auch von dir: Wieviel Gefühlsarbeit du stemmen musst, hängt von eurer Situation ab. (…) Meist fühlen sich Frauen für diese Arbeit verantwortlich, Männer dagegen deutlich weniger.“

Die Frau fürs Leben ist nicht das Mädchen für alles, S. 28.

Gefühlsarbeit in der Schule

Es wird schnell klar, dass der Lehrerberuf auch diese Arbeit erfordert. Wir sind keine Wissensvermittler, wir akquirieren tagein tagaus für Bildung, indem wir in die Beziehungen zu unseren Schüler:innen investieren. Lehrer:innen arbeiten mit einer Gruppe, sodass sie ihre Gefühle zugunsten mehrerer Menschen zugleich regulieren müssen. Nicht nur im Umgang mit den Schüler:innen, auch z.B. beim Elternabend ist das wichtig, um die Eltern mit ins Boot zu holen. Es geht dabei also sowohl um das Management der eigenen Gefühle, als auch um die Beeinflussung der anderen. Lehrer:innen sollen ‚motivieren‘.

Gefühlsarbeit ist eine Kernkompetenz im Lehrerberuf. Umso erstaunlicher ist es, dass weder in der Lehrerausbildung noch in der -fortbildung großer Wert auf die Emotionen der Lehrer:innen gelegt wird. Im Gegenteil!

„Persönliche, auch unbewusste Gefühle und Gedanken zu äußern, gilt für LehrerInnen bis heute als Tabu.“

Ulrike Kegler

Das kann ich zu 100% unterschreiben. Über die eigenen (negativen) Gefühle im Job zu sprechen, wird eher als Schwäche ausgelegt. Niemand würde zugeben, dass beim Blick auf den Vertretungsplan manchmal schon das Herz schneller schlägt. Mein Artikel „Wenn im Unterricht die Wut an die Tür klopft“ ist einer der meistgelesenen auf dem Blog. Darin geht es nicht nur um die Wut meines damaligen Schülers, sondern auch um meine eigene. Neben Wut ist Angst ein Thema, das gerne verschwiegen wird. Angst vor einzelnen Schüler:innen oder ganzen Klassen, vor einer speziellen Pausenaufsicht…das würde niemand offen zugeben.

Wieso spreche ich eigentlich von Gefühlsarbeit?

Und wieso spreche ich eigentlich von Gefühlsarbeit? Es ist doch schön, Ansprechpartner für andere zu sein, zu helfen, ein offenes Ohr zu haben, erfolgreich einen Streit zu schlichten. Es ist erfüllend, weil man dabei nicht um seinen eigenen Bauchnabel kreist und bei den Mitmenschen etwas bewirken kann.

„Die eigenen Gefühle zugunsten anderer zu regulieren (…) spielt in jeder zwischenmenschlichen Beziehung eine Rolle. Es wird dann zur Arbeit, wenn die Gefühlsregulierung anstrengend oder belastend ist.“

Die Frau fürs Leben ist nicht das Mädchen für alles, S. 30.

Anstrengend ist es, wenn ich Gefühle zeige, die nicht mit meinen tatsächlichen übereinstimmen.

Die Rechnung ist eigentlich ganz einfach. Ist mein Kopf voller To-Do’s und Terminen und bin ich in der Verantwortung für diese (Mental Load), geht Energie dafür drauf. Ich bin im Stress. Im Stress fehlt mir wiederum Energie für ein empathisches, fürsorgliches, entspanntes Miteinander. Dann ringe ich mir ein geduldiges Warten, ein Lächeln, überhaupt einen freundlichen Ton ab. Da die gedankliche To-Do-Liste allerdings unendlich ist, beginnt eine Abwärtsspirale. Betrete ich den Klassenraum der 7c, die nach einer Arbeit nur noch müde auf den Stühlen sitzt, bin ich manchmal schon auf 180. Das soll aber keiner merken, denn ich muss professionell sein.

So wie wir in der Kernfamilie heute leben und wie der Schulalltag organisiert ist, läuft es vielen menschlichen Bedürfnissen zuwider! Es läuft darauf hinaus, dass immer mehr Verantwortung auf immer weniger Schultern lastet. Das soziale Netz für Familien ist im letzten Jahr durch Corona zusammengebrochen. Nun schultern mehrheitlich Frauen Aufgaben, die sie vorher an Kindergarten oder Schule halbwegs delegieren konnten. Über Gefühlsarbeit und Mental Load in der Lockdown-Edition lohnt sich wahrscheinlich ein eigener Artikel…festzuhalten bleibt: Die Krise wird auf dem Rücken von Frauen ausgetragen.

Krankmachende Strategie, um im krankmachenden Umfeld arbeiten zu können

In einem Artikel für das Deutsche Ärzteblatt erklärt der psychologische Psychotherapeut Michael Mehrgardt die verschiedenen Stressoren, denen Lehrer:innen ausgesetzt sind. Ein Stressor sticht für mich besonders heraus:

„Die Lehrkraft ist ständig von vielen Menschen umgeben, im Klassenraum, im Lehrerzimmer, auf dem Schulhof. Dieses ‚Crowding‚ führt zu einer andauernden sensorischen Überstimulation, welche die physiologischen Parameter nachhaltig in die Höhe treibt. Der Lehrer kann sich diesem nicht entziehen, auch ‚Pausen‘ finden in Ansammlungen von Menschen statt. Dies erfordert ständige physische, psychische und geistige Arbeit und verbraucht Energie.

Michael Mehrgardt, Psychotherapie mit Lehrern: Oftmals schwierige Patienten

Wir haben weiter oben gesehen, dass Gefühlsarbeit in jeder zwischenmenschlichen Begegnung vonnöten ist. Im Schulalltag ist das also durchgehend der Fall. Aber das ist noch nicht alles:

„Pädagogen müssen, um unter diesen Umständen zu funktionieren, ihre Selbstwahrnehmung abschalten. Diese Fähigkeit scheint bei vielen sehr ausgeprägt zu sein. Mit anderen Worten: Sie müssen eine pathogene Strategie anwenden, um in einem pathogenen Umfeld arbeiten zu können.“

ebd.

Die Konsequenz: Seine Patient:innen sitzen mit Erschöpfungs- bzw. Burnoutsymptomen bei ihm in der Therapie.

Lehrerinnen haben andere Anforderungen als Lehrer

Für mich zeigt sich ein Unterschied für Männer und Frauen. Männer können sich dieser berufsbedingten Anforderung stellen und dank ihrer ‚Potenzkommunikation‘ durchaus auch laut agieren. Frauen haben in der Regel bereits vor dem Unterricht Gefühlsarbeit in der Familie betrieben und tun es auch danach wieder, sodass sie ständig damit beschäftigt sind. Sie können also auf weniger Ressourcen zurückgreifen. Gleichzeitig wird von Frauen aber auch erwartet, ihre negativen Gefühle zurückzuhalten.

Je jünger die Schüler:innen, desto höher ist der Anteil der Lehrerinnen. Das wundert niemanden, denn Frauen scheinen ‚das mit Kindern‘ irgendwie besser zu können. Tatsächlich ist die Mehrheit von uns schlicht geübter in Gefühlsarbeit als die meisten Männer. Aber wir können es definitiv nicht besser, WEIL wir Frauen sind! Dazu passen die Zahlen zur Dienstunfähigkeit auch gar nicht, die ich im Mental Load-Artikel zusammen getragen habe.

Wer hält den Rahmen für Familien? Und wer für Lehrer:innen?

Bei Gefühlsarbeit geht es also darum, dass die Beteiligten sich wohl fühlen, um einen möglichst reibungslosen Ablauf. Wobei die Reibungen im Laufe desselben meistens zunehmen. In der bindungsorientierten Elternbubble kommt mir oft der Gedanke unter, dass Kinder ab nachmittags ihr Kooperationskontingent aufgebraucht haben und deshalb mehr zu Wutausbrüchen oder Muffeligkeit neigen.

Definitiv!

Wer fragt mich eigentlich nach meinem Kooperationskontingent?

Mir ist bewusst, dass die Verantwortung für die Beziehungsqualität zu meinen eigenen Kindern und den Schulkindern bei mir liegt. Ich verlange also nicht von ihnen, dass sie Rücksicht auf mich nehmen. Ich frage mich: Wer hält denn den Rahmen für mich? Und allgemeiner formuliert: Wer hält den Rahmen für Familien? Wer für Lehrer:innen?

Wenn ich im Sinne der Selbstfürsorge eine Pause einlege, muss ich sogar dafür Akquise betreiben. Denn je nach Alter gelingt es entsprechend gut oder schlecht, dass sich Kinder in dieser Zeit selbstständig beschäftigen. Sage ich Nein zu einer spontanen Vertretung, handele ich mir Ablehnung im Kollegium ein.

Wenn Frauen sowohl den größten Anteil an Care-Arbeit machen und als Lehrerin professionelle Gefühlsarbeit aufbringen, verursacht das Stress:

„In manchen Arbeitssituationen ist man widersprüchlichen Gefühlen ausgesetzt, weil man anders fühlt, als es die professionellen ‚Gefühlsregeln‘ einfordern. (…) Oder wenn ein straffer Arbeitszeitplan verhindert, dass man sich genügend Zeit für die Kinder nehmen kann, bevor sie morgens zur Schule gehen. Man sich deswegen später bei der Arbeit um sie sorgt, aber dennoch so tun muss, als ob man total in seine Arbeit vertieft ist.“

Arlie Russel Hochschild, taz lab

Allein zuständig für Gefühlsarbeit

So kommt es, dass viele Lehrerinnen von morgens bis nachts damit beschäftigt sind, ihre eigenen Emotionen zu regulieren und um die von anderen zu kreisen. Frauen sind meist allein verantwortlich dafür, dass ‚der Laden läuft‘.

Ich spreche mal für mich: Ich bin kein Roboter. Ich liebe meine Kinder, bin von bindungsorientierter Erziehung überzeugt. In der Schule will ich partout keine Dressur-Instrumente wie Lob und Tadel einsetzen, weil ich davon nichts halte. Durch die Kombination von Mental Load und Gefühlsarbeit ist bei mir irgendwann Schicht im Schacht. Wenn es richtig eng wird, versuche ich nur noch, meine Aggressionen nicht an meinen Mitmenschen auszulassen.

‚Frau. Mutter. Lehrerin‘ heißt diese Kategorie. Keiner dieser drei Rollen ist es gestattet, wütend zu sein. Unsere Sozialisation hat uns so gut im Griff, dass wir beim Anflug von Aggression an uns selbst zweifeln. Wir denken: ‚Ich bin keine gute Mutter‘ oder ‚Ich bin eine schlechte Lehrerin‘ – anstatt uns dagegen zu wehren, allein für Gefühlsarbeit zuständig zu sein. Nicht zuletzt deshalb laufen wir eher Gefahr, einen Burnout zu erleiden, weil sich dauerhaft unterdrückte Gefühle irgendwann gegen uns selbst richten.

Unsere Sozialisation hat uns im Griff

Solange wir das Märchen davon aufrechterhalten, dass Männer sich nicht kümmern und Frauen das einfach besser könnten, bleiben wir festgefahren. Eine Studie des deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung kommt 2016 zu dem Ergebnis, dass Care-Arbeit weiterhin Frauensache ist. Die FAZ berichtet dazu:

„Denn erwerbstätige Frauen leisten in Deutschland im Durchschnitt mehr Hausarbeit und kümmern sich länger um die Kinder als ihre ebenfalls beschäftigten Männer. Der Unterschied besteht auch dann noch, wenn beide Partner eine Vollzeitstelle haben.“  

https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/diw-studie-frauen-tun-mehr-im-haushalt-als-maenner-14101649.html

Frauen haben einen Kompetenzvorsprung, weil sie mehr Erfahrung in Care-Arbeit haben. Und dahinter steht die Sozialisation. Erziehung, Vorbilder und Medien sorgen dafür, dass Mädchen lernen, sich verantwortlich fühlen. Familie und Beruf miteinander zu vereinen, überfordert viele Frauen aufgrund der Doppelbelastung. Lehrerinnen macht dabei die doppelte Gefühlsarbeit nebst Mental Load zu schaffen. Nur weil man geübt ist, sind die Kapazitäten nicht unendlich.

Wie könnte eine Lösung aussehen?

Wenn wir echte Wahlfreiheit für Männer UND Frauen erreichen wollen, müssen wir auch Mental Load und Gefühlsarbeit teilen!

Dieser Artikel ist schon ziemlich lang geworden. Ich werde also einen eigenen darüber schreiben, wie wir die mentale Last für Lehrerinnen verringern bzw. teilen können. Ein paar Ideen habe ich schon 🙂 Für den privaten Bereich in der Familie empfehle ich dir auf jeden Fall den Blog und das Buch von Laura Fröhlich, das ich oben verlinkt habe.

Ich bin ganz gespannt: Kannst du dich in diesem Artikel wieder erkennen? Welche Situationen in der Schule fallen dir ein, die dazu passen?

Deine Ann-Marie

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