Mental Load im Lehrerjob – Frauen sind doppelt getroffen

Mental Load im Lehrerjob - Frauen sind doppelt getroffen

Die nicht enden wollende To-Do-Liste von Stefanie, Lehrerin, verheiratet, 2 Kinder (Finn & Annika):

…Finns Lehrerin zurückrufen…Material für Jan zusammenstellen…Zettel für Elternabend verteilen und bis Dienstag wieder einsammeln…was mache ich mit denen, die mir den Zettel nicht zurückgeben?…Annika braucht neue Wechselsachen für die Kita…im Sekretariat neue Whiteboardmarker holen…was essen wir heute?…von drei Kindern fehlen 5€ für die Klassenkasse…wer geht nächste Woche zum Entwicklungsgespräch in die Kita?…Ulla wegen Lisas Förderstatus ansprechen…Kuchen backen für das Schul-Sommerfest

Sommerfest? Na, das gibt es in Corona-Zeiten doch eh nicht? In der Distanzlernvariante auch gerne so:

…Dem EF-Kurs den Zoom-Link zukommen lassen…bei manchen funktioniert er nicht?!…Finn bei Englisch unterstützen…Englischlektüre für ihn kaufen…abgegebene Aufgaben der 6d nachsehen…was essen wir heute?…Material für 8e hochladen (heute!)…Annika kann nur bis 13 Uhr in der Kita bleiben…jemand muss sie abholen…neuen Tarif mit stärkerer Internetverbindung für zuhause raussuchen…wieso ist die Druckerpatrone schon wieder leer???…neue bestellen…in der 6a sind 6 Kinder nie in der Online-Konferenz dabei…nachhaken…

Was ist Mental Load?

Der Begriff ‚Mental Load‘ wird in Deutschland immer bekannter. Die Bloggerin Patricia Cammarata macht z.B. in ihrem Buch* „Raus aus der Mental Load-Falle“ darauf aufmerksam. Ich habe es in zwei Tagen gelesen, so spannend fand ich es. In einem Artikel zum Equal Care Day schreibt sie:

„Damit das Familien- oder Paarleben klappt, müssen neben sichtbaren Aufgaben viele unsichtbare Aufgaben mitgedacht werden. Diese Aufgaben werden oft nicht explizit genannt, werden aber oft nebenher identifiziert, geplant und dann erledigt. Neben tatsächlichen ToDos bringen diese Aufgaben nochmal ein nicht unbeträchtliches Eigengewicht in die Gesamtsumme aller sichtbaren Aufgaben. Die eigentliche Belastung ist dabei verantwortlich für alles zu sein. Eine Verantwortung, die in den allermeisten Fällen den Frauen zukommt. Diese Belastung kann so schwerwiegend sein, dass sie zu burnoutähnlichen Symptomen führt.“

Patricia Cammarata: https://equalcareday.de/was-ist-mental-load/

Und ganz kurz erklärt:

„Mental Load ist nicht das ToDo. Sondern alle Planungs- und Koordinierungsprozesse, die vor, während und nach [einem ToDo-Punkt] stattfinden.“

ebd.

Das Dran-Denken macht müde. Dieses Phänomen kennen eigentlich alle Frauen, auch ohne Kinder. Manche glauben, es fällt ihnen gottgegeben zu und hinterfragen es nicht. Doch das stimmt nicht. Für diesen Artikel ist das Thema deshalb interessant, weil Lehrerinnen doppelt betroffen sind.

Der Lehrerberuf als Managerberuf

Der Lehrerberuf ist ein Managerberuf, für Männer und Frauen gleichermaßen. Er findet im Einzelkämpfertum statt, was ihn noch einmal besonders macht. Während ManagerInnen Teile ihrer Arbeit delegieren können, ist das in der Schule meist nicht der Fall. Außerdem stehen nicht nur viele To-Do’s auf einer Liste, sondern weit mehr auf der gedanklichen Agenda. Am Beispiel des Punktes „Material für die 8b hochladen (heute!)“ eine Auswahl gedanklicher Schritte:

  • Eignet sich das Material, das ich habe oder erstelle ich für das Distanzlernen neues Material?
  • Oder kaufe ich welches? Wo habe ich letztens dieses gute Material online gesehen? Ulla fragen.
  • Ist der Mathekurs auf der Online-Plattform schon für alle SchülerInnen freigeschaltet worden? ggf. Peter mailen.
  • Wie kommt das Material zu denen, die kein Internet oder keinen Drucker zuhause haben?
  • Was ist die maximale Dateigröße?
  • Wie erstelle ich ein interaktives pdf-Dokument?
  • Wissen die SchülerInnen, wie sie damit umgehen?
  • Drei Kinder haben einen Förderstatus: Sie brauchen anderes Material.

Das eigentliche Hochladen würde vielleicht drei Minuten dauern. Doch für den langen Rattenschwanz an gedanklichen Aufgaben ist auch unsere Beispiellehrerin Stefanie zuständig. Sie sitzt daher mindestens eine Stunde am Schreibtisch. (Falls du als Nicht-LehrerIn mit dieser Spezies zusammen bist: Deshalb kommt er bzw. sie oft später vom Schreibtisch weg als vorher angekündigt.)

‚SuperheldInnen‘ in Aktion

Würde es bei wenigen Aufgaben dieser Art bleiben, wäre ja alles gut. Tatsächlich macht gerade das diesen Beruf aus! Im agilen Projektmanagement würde man die Teilschritte benennen, Aufgabenpakete definieren und Einzelnen übertragen. Vielleicht hast du dazu auch schon meinen Artikel „Lernen im Team mit eduScrum“ gelesen.

In der Schule gibt es aber keine Autoren, Graphikdesigner, ITler, Kurierdienste o.ä. Das machen LehrerInnen alles selbst. Gewerkschaften machen damit manchmal sch(m)erzhaft Werbung: ‚Du wolltest immer schon mal Superheldin werden? Werde Lehrerin!‘ Genauso wie die Kultivierung der Mütter-Erschöpfung führt das aber eher am Ziel vorbei, wie ich finde. So wird die Verantwortung nämlich wieder komplett den LehrerInnen aufgebürdet und der Arbeitgeber ist fein raus!

Es ist eigentlich verrückt. Mit Ausnahme des Sekretariats, Hausmeisters und Mensapersonals halten durchweg LehrerInnen den Laden am Laufen. So verwaltet einer eine ganze Bibiothek, der andere die schulische online-Plattform, die nächste ist verantwortlich für Drogenprophylaxe und wieder ein anderer erstellt Stundenpläne für 120 Menschen. Manchmal ist damit eine „Beförderungsstelle“ verbunden (mit 120€ netto mehr, yeah!) oder eben nicht. Der Verantwortungsbereich von LehrerInnen ist also längst nicht auf die SchülerInnen in den eigenen Kursen beschränkt!

Mental Load bei Lehrerinnen mit Familie

Die bisher beschriebene schulische Situation gilt also auch für Männer. Nur können sie auf mehr Ressourcen zurückgreifen, weil der private Mental Load bei ihnen meist geringer ist. Bei Paaren, wo beide erwerbstätig sind, ist die einseitige Verteilung von Mental Load zulasten der Frau nämlich noch deutlicher. Schlimmer wird’s, wenn Kinder dazukommen. Wenn sie dann noch als Lehrerin arbeitet, ist ihre Belastung doppelt so hoch. Die Frau managt nicht nur ihr ‚kleines Familienunternehmen‘, sondern auch alle Belange ihres Jobs in der Schule.

Neben Mental Load ist die Care-Arbeit ebenfalls Hauptaufgabe von Frauen. Auch, wenn sie arbeiten. Kennzeichen dieser Care-Arbeit ist, viele spontane Entscheidungen zu treffen. Bei Lehrerinnen kommt es daher im Job zu Entscheidungsmüdigkeit, weil ihr Gehirn schon von den 1000 Entscheidungen rund um ihre Familie angestrengt ist.

Eine ältere Studie kam zu dem Schluss, dass LehrerInnen in einer Unterrichtsstunde bis zu 200 Entscheidungen zu treffen und dabei im Durchschnitt 15 „erzieherische Konfliktsituationen“ zu meistern haben (JACKSON 1968, A. TAUSCH 1958). Berücksichtigen wir, dass zu dieser Zeit der Frontalunterricht noch verbreiteter war, ist diese Zahl heute wohl eher höher.

Dass im Lehrerjob und zuhause viele spontane Entscheidungen getroffen werden müssen, ist fatal. Da bleibt es nicht bei Entscheidungsmüdigkeit – kein Wunder, dass viele abends um 20 Uhr neben ihren Kindern einschlafen.

Dazu kommt, dass sowohl die Entscheidungen in der Familie als auch die für SchülerInnen deren Wohl betreffen. Es geht also nicht um eine Sachtätigkeit, sondern die Entscheidungen sind immer mit Verantwortung für andere Menschen verknüpft. Auch darauf geht Patricia Cammarata in ihrem Buch ein.

Früher pensioniert wegen Mental Load?

Ich habe mich gefragt, ob es wohl aktuelle Zahlen zu diesem Thema gibt. Ich fand folgende: 2017 wurden drei von vier Lehrkräften vor der gesetzlichen Altersgrenze in den Ruhestand versetzt. Bei 12% der Pensionierten war Dienstunfähigkeit der Grund. Außerdem:

„Eine Umfrage der Universität Erlangen im Jahr 2015 bestätigt die These, dass die Psyche die häufigste Ursache für eine Dienstunfähigkeit ist. In der Auswertung wurde deutlich, dass 57 % der Lehrerinnen und 37 % der Lehrer aufgrund psychischer Erkrankungen ihren Dienst nicht mehr ausüben konnten.“

https://lehrer-kompass.de/dienstunfaehigkeitsversicherung-ueberblick/

Noch spannender wird es, wenn wir uns die Verteilung von Teilzeit ansehen. Im Schuljahr 19/20 lag der Anteil der Lehrerinnen bei den Teilzeitbeschäftigten bei 87% (insgesamt waren im letzten Schuljahr 73% aller Lehrkräfte weiblich). Ein Widerspruch? Sind Frauen weniger belastbar? Wohl kaum.

In verschiedenen Artikeln lese ich als eine Ursache für Frühpensionierungen die doppelte Belastung durch Haushalt und Kindererziehung. Natürlich gibt es weitere Faktoren, trotzdem: Das ist ja ein Umstand, der durchaus änderbar ist. Umso wichtiger finde ich, dass Gleichberechtigung, Mental Load & Lehrergesundheit viel mehr in den öffentlichen Fokus rücken.

Wenn es nicht bekannt ist oder nicht hinterfragt wird, wie Mental Load aufgeteilt wird, scheint Teilzeit für Frauen logisch. Ich finde es traurig, dass oft nicht einmal diskutiert wird, wer bei der Erwerbsarbeit reduziert. „Biologie, Sozialisation und so!“ – Äh, nein?!

Aussichtslos?

Sowohl Care-Arbeit als auch Lehrerarbeit finden in der Gesellschaft wenig Anerkennung. Das kann ein Grund dafür sein, dass die Belastung noch größer wird. Wäre es vielleicht anders, wenn wir die Leistung von Eltern und LehrerInnen allgemein mehr wertschätzten? Würden die Zahlen dann anders aussehen?

Was können wir tun?

  1. Den privaten Mental Load verteilen durch Kommunikation, Kommunikation und Kommunikation! Bei Patricia Cammarata gibt es einen umsetzbaren Vorschlag.
  2. Echte Teamarbeit in Schulen! Ich kenne sowohl das Einzelkämpfertum als auch die Entlastung durch ein echtes Team. Ich will diese Unterstützung nie mehr missen – mein Einstieg in den Beruf mit einer vollen Stelle hat zu großen Teilen deshalb gut geklappt. Vor allem in der Klassenleitung zu zweit.
  3. Externe beschäftigen! ITler, Bibliothekare, viel mehr Verwaltungsassistenzen für die Schulleitungen…
  4. Glorifizierung der Erschöpfung stoppen! ‚Vitalität‘ statt ‚Gesundheit‘ als Ziel.

Kanntest du ‚Mental Load‘ schon? Wie erlebst du das Thema als Lehrer oder Lehrerin?

Deine Ann-Marie

P.S.: Mehr zum #equalcareday am 1. März 2021 findest du hier.

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