Was traust du deinen SchülerInnen zu? – Lernen im Team mit eduScrum

Was traust du deinen SchülerInnen zu - Lernen im Team mit eduScrum

Kennst du das: Du hast an einer Fortbildung teilgenommen und bist hinterher genauso klug wie vorher? Dir wurde viel vorgekaut? Vielleicht hast du auch in einer Gruppe gearbeitet, fandst das aber sinnlos? Denkst du mittlerweile sogar, Fortbildungen sind Zeitverschwendung? Umso großartiger ist es, wenn du doch etwas wirklich Bedeutsames für dich mitnimmst. Denn es gibt auch solche Veranstaltungen: spannend, innovativ, praxisbezogen, umsetzbar, lustig. All das vereinte ein Workshop, bei dem ich in der letzten Woche mit KollegInnen teilnahm!

Ich sprang auf die Einladung zur „Unterrichtsvorbereitung mit eduScrum“ förmlich an, in der es hieß: „Mit eduScrum übernehmen die Lernenden die Verantwortung für ihren Lernprozess. Die Folge davon sind intrinsische Motivation, Freude, persönliches Wachstum und bessere Resultate. Die Lehrkraft bestimmt das WARUM und das WAS, die SchülerInnen das WIE.“ Persönliches Wachstum? Aber gern! Freude in der Schule? Dafür stehe ich doch! Bessere Resultate? Gehen immer!

Was ist denn bitte eine ‚agile‘ Lernkultur?

Ganz kurz gesagt steht eduScrum für eine ‚agile‘ Lernkultur, die sich dem Unterricht mit den 4 K verschreibt. In einem solchen Unterricht geht es um Kreativität, kritisches Denken, Kommunikation und Kooperation. Das wird so erreicht:

  • SchülerInnen kooperieren in selbstorganisierten Teams in einem Projekt. Alle machen das, was am besten für das Ergebnis funktioniert. Keiner hat eine immer feste Aufgabe, nach jedem Reflexionsabschnitt können Aufgaben neu verteilt werden.
  • Es geht um die Erstellung von Lernprodukten. Es muss nicht zwingend eins am Ende entstehen, möglich sind mehrere Zwischenprodukte, die erste Schritte zeitnah sichtbar machen.
  • Das Prinzip der Iteration wird angewendet. Das bedeutet, dass es immer ein klares Ziel gibt und nach kurzen Abständen immer wieder überprüft wird, ob die Teams auf Kurs sind und was optimierbar ist.
  • Durch dieses sichtbare Feedback und die Reflexion entstehen sichtbare Lernschleifen, wo vorher Orientierungslosigkeit herrschte. Vor allem wird die Eigenverantwortung gestärkt, wenn zeitnah eine Rückmeldung zum Prozess kommt.
  • All das wird möglich, weil wir den Lernenden etwas zutrauen und ihnen vertrauen, dass sie es auf ihrem Weg erreichen werden. So entsteht Lebendigkeit: Agilität.

EduScrum wurde von dem niederländischen Chemie- und Physiklehrer Willy Wijnands 2011 ins Rollen gebracht. Wir hatten das große Glück, dass er bei unserem Workshop sogar dabei war und uns an seinen Erfahrungen hat teilhaben lassen. Er hat das Verfahren, was eigentlich aus der Wirtschaft stammt (Scrum) auf Bildungsprozesse übertragen. Dabei kommt der Lehrkaft die Aufgabe zu, die Inhalte zu wählen (WAS) und den Lernenden die Vision, das WARUM und WOZU, zu vergegenwärtigen (nicht als Dogma, versteht sich). Außerdem ist die Lehrkraft dafür zuständig, den Rahmen für produktives Arbeiten zu halten. Das können Gespräche mit Einzelnen sein, wieso es im Prozess stockt, oder mit ganzen Teams, was sie für den nächsten Schritt brauchen. Es ist sogar möglich, die Teamarbeit mit kurzen klassischen frontalen Phasen zu kombinieren, wenn es der Prozess erfordert.

Die SchülerInnen bilden Teams (max. 5 Personen). Günstig ist eine Zusammensetzung mit unterschiedlichen Stärken. Diese kann die Lehrkraft z.B. anhand einer Stärken-Liste ermitteln, indem sie alle SchülerInnen drei verschiedene selbst ankreuzen lässt (z.B. organisieren, präsentieren, positiv denken, zielorientiert…). Jedes Team wählt einen Team Captain als Ansprechpartner für die Lehrkraft. Dann wird, im Sinne des kooperativen Lernens, in das team building investiert, um den Zusammenhalt zu stärken. Jedes Team hat über das gesamte Projekt hinweg einen eigenen ‚flap‘: Ein Flip-Chart-Plakat, auf dem die Arbeitsaufgaben, die Akzeptanzkriterien (s.u.), To Dos, und fertige Arbeitsschritte festgehalten werden. Das ist die Grundlage für das Stand-up: Die regelmäßige Kommunikation darüber, was in Planung, gerade in Arbeit oder erledigt ist. Das wird meistens im Plenum durchgeführt. Außerdem ist in kurzen Abständen die Reflexion darüber, wie die Ergebnisse erreicht wurden, wichtig. Das kann auch im jeweiligen Team selbst erfolgen.

Wie wir normalerweile Unterricht planen und Gruppenarbeiten einbauen

Wir alle kennen doch das normale Vorgehen. Wir überlegen uns am Schreibtisch, was als Nächstes laut Lehrplan oder anderer Vorgaben ‚dran‘ ist. Dann tüfteln wir an einer Unterrichtsreihe, die einen Lernzuwachs ermöglicht. Wir suchen Texte und andere Materialien. Wir überlegen, ob im Plenum, allein, zu zweit oder in Gruppen gearbeitet werden soll. Vielleicht fangen wir sogar noch an, eigenes Material zu erfinden…Damit spazieren wir in die Schule und servieren den SchülerInnen unseren Plan häppchenweise.

Wenn wir selbst nicht von dem Thema begeistert sind, sagen wir womöglich: „Dieses Thema machen wir jetzt, weil es in der nächsten zentralen Prüfung drankommt.“ Weil wir schon wissen, dass Kooperation irgendwie ganz wichtig ist, lassen wir die Lernenden in Gruppen arbeiten. Meistens macht dann Einer alles und die Anderen nichts. Überhaupt sind wir mit Ergebnissen aus Gruppenarbeiten nie wirklich zufrieden und überlegen ständig, wie wir diese Arbeit doch kontrollieren können. Am Ende muss schließlich bewertet werden. Und uns sitzt immer die Zeit im Nacken. Wenn wir also am Ende doch wieder alles ins Plenum holen müssen, machen wir es beim nächsten Mal…lieber selbst! Wir haben sogar ein super Argument für Frontalunterricht: Die Hattie-Studie hat schließlich gezeigt, es kommt auf uns LehrerInnen an. Und das kann doch nur heißen, dass wir das Ruder in der Hand haben müssen und vor der Klasse stehen.

Ein WOZU aus dem Thema selbst heraus

So, und jetzt denk nochmal an die vielen sinnlosen Fortbildungen. Die haben mit dem herkömmlichen Unterricht leider viel gemeinsam. Uns fehlt ein WARUM oder auch ein WOZU, und zwar eins aus dem Thema selbst heraus. Was ist der Mehrwert dieses Themas für mich, für andere? Worin besteht der sogenannte Lebensweltbezug? Es ist für die Lernenden doch völlig egal, ob der Lehrplan Thema X oder Y vorgibt, denn es ist nicht ihre Aufgabe, diese auszuwählen. Kein Thema dieser Welt klingt interessanter und wird auch nicht wichtiger, nur weil es im Abitur dran kommen könnte. Das WAS und das WARUM liegen also in der Hand der Lehrkräfte.

Ha! Jetzt mögen manche denken, „Ann-Marie kennt den Lehrplan Mathematik für die 12. Klasse aber nicht! Wie soll ich denn einen sinnvollen Grund für Funktionsscharen finden? Ich muss das eben machen. Punkt!“ – Ja! Und es ist dein Job, den Unterricht für die SchülerInnen zu gestalten und nicht in erster Linie fürs Abitur. Über diese Grenze im Kopf kommen Einige nicht hinweg. Und das liegt daran, dass wir unseren SchülerInnen nicht vertrauen und ihnen nichts mehr zutrauen. Ganz besonders, wenn es um Abschlüsse geht, fallen wir wieder ins 19. Jahrhundert zurück. Obwohl wir doch wissen, dass die Ergebnisse meistens schlechter ausfallen als erwartet. Dass es weder uns noch die Kinder und Jugendlichen berührt oder nachhaltig in deren Köpfen bleibt. Dass Einige darüber sogar krank werden, weil es sinnlos und zugleich wichtig ist.

Vertrauen und Zutrauen als Schlüssel

Spätestens beim Punkt Vertrauen und Zutrauen war ich voll dabei, denn genau daran krankt unsere bisherige Lernkultur. Ich habe bereits mehrere Artikel zum Fremdsprachen Lernen mit Birkenbihl geschrieben. Meine Motivation, den Lateinunterricht komplett auf den Kopf zu stellen, war schlichtweg: ‚Es kann nur besser werden.‘ Das bisherige Verfahren funktionierte einfach nicht und auch ich als Lehrerin hatte keine Freude mehr am Unterricht. Ohne Vertrauen in den Prozess und vor allem in meine Schülerinnen hätte ich die neue Methode aber auch nicht beginnen können. Besonders am Anfang gibt es viele sogenannte Commitment-Tester. Die kennen wir alle. Wenn etwas nicht auf Anhieb klappt, bleibst du dran oder gibst du auf? Wenn Aufgeben nicht zur Debatte steht: Wie sieht eine Lösung aus?

Eine große Angst von LehrerInnen ist die drohende Beliebigkeit, sobald wir Prozesse an SchülerInnen abgeben. Dieser Angst hält eduScrum klare Ziele und vor allem klare Akzeptanzkriterien entgegen. Diese ebnen zugleich die Bewertung der Arbeiten, weil sie die Qualität messbar machen. Welches Produkt soll entstehen, in welchem Umfang, bis wann? Wie sind Einzelleistungen sichtbar zu machen? Was sollen Alle können (Kompetenzen!)?

Außerdem führen Viele den Zeitmangel ins Feld. Die Zeit, die wir am Schreibtisch mit der Planung von Reihen verbringen, fällt ja in der Schule nicht mehr an. Dieses Aushandeln im Team braucht am Anfang tatsächlich Zeit. Logisch, denn die Lernenden organisieren sich ja selbst. Genauso dauerte es am Anfang in meinem Lateinkurs, bis wir jeden Schritt der Methode wirklich verstanden hatten. Doch sowohl bei eduScrum als auch bei Birkenbihl spricht die Qualität der Ergebnisse für sich. Bis diese Ergebnisse entstehen, brauchen wir jedoch Vertrauen und zwar in Form von Zutrauen z.B. in die Selbstorganisation der Kinder und Jugendlichen.

Was traust du deinen SchülerInnen zu?

Was traust du deinen SchülerInnen zu? Unabhängig von dem, was sie gerade zeigen? Was wäre möglich, wenn du den Rahmen entsprechend vorbereitest, kommuniziert und hältst? Wie würdest du gerne arbeiten? Wenn eine agile Lernkultur die Menschen zufrieden stellt oder sogar begeistert, weil sie ihnen entgegenkommt, wie kannst du dafür sorgen? Bei meinem Beispiel in Latein hat mir geholfen, dass gehirn-gerechtes Lernen an sich schon eine Belohnung darstellt, weil schnell Erfolge sichtbar werden. Wenn unser Gehirn sowieso auf diese Weise funktioniert, dann ist es doch fast schon bescheuert, dieses Prinzip beim schulischen Lernen nicht zu nutzen! Genauso verhält es sich mit der Agilität bei eduScrum. Uns Menschen geht es im Arbeitsprozess besser, wenn wir Selbstwirksamkeit erfahren, Erfolge mit Anderen teilen und im Team mehr erreichen. Mit Frontalunterricht und ’normaler‘ Gruppenarbeit kriegen wir das aber nicht hin!

Daneben ist noch etwas wichtig: Vertraust du dir selbst, SchülerInnen so zu steuern, dass sie selbstorganisiert im Team lernen?

Wenn du an deiner Schule mit eduScrum arbeiten möchtest, kann ich dir eine Fortbildung durch das educrum-Team sehr empfehlen. Auf der Seite findest du viele weitere Informationen, vor allem auch Beispiele zu den Arbeitsschritten.

Willst du Gruppenarbeit mit deinen SchülerInnen neu angehen und Arbeit im Team etablieren? Ich bin gespannt auf deine Ideen oder deinen Praxisbericht in den Kommentaren.

Deine Ann-Marie

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3 Kommentare

  1. Leider nein. Scrum in der Wirtschaft zeigt, dass eine beträchtliche Anzahl an Personen mit der iterativen Methode in 66,8 % der Fälle scheitert. Das hängt damit zusammen, dass es sowohl bei Kindern als auch später bei Erwachsenen verschiedene Lerntypen gibt. Längst nicht für alle ist Gruppendynamik beim Lernen geeignet. Viele verweigern sich – nicht weil sie bockig sind – sondern weil es ihrem Naturell widerspricht und sie individuell aber auf erstklassige Ergebnisse kommen. Scrum generell ist einfach eine Modeerscheinung aus den USA, die nun auch schon wieder auf dem absteigenden Ast ist. Sehr schade, einer Klasse oder einer Abteilung eine Methode überzustülpen, weil man eben mal „hipp“ sein will.
    Viele Grüße
    Lilo

    1. Hallo Lilo!
      Ich würde auch nicht behaupten, dass jede Methode für alle Menschen passt. Auch bei eduScrum gibt es für Einzelne die Möglichkeit, ohne die Gruppe zu arbeiten, z.B. bei häufigem Fehlen. UND eduScrum ist ja nur eine Alternative zur bisherigen Gruppenarbeit, die definitiv viele sinnlos finden. Jede Methode, die wir überstülpen, scheitert.

      1. Liebe Lilo,
        ganz knappe Antwort: in der Wirtschaft machen 75+% der Leute gar kein Scrum sondern „etwas in der Art“ – ohne agiles Mindset scheitert Scrum, weil es kein Scrum ist, denn es ist keine Methode (wie du sagst) sondern ein Framework, das ist ein großer Unterschied. Scrum behauptet nie, die Lösung für alles zu sein. Dass Firmen die Scrum-Werte und das agile Manifest nur als „Laberei“ abtun statt sich mit einem Kulturwandel auseinanderzusetzen ist Teil des Problems – bezogen auf deine 66,8% ist das wichtig zu wissen – zumal mich die Quelle interessieren würde!

        Wer Scrum macht, hat ein gewisses Mindset (das unterstelle ich eduScrum-Lehrern auch), der würde niemals irgendjemandem irgendetwas „überstülpen“, Scrum lebt von Empathie. Und es ist meiner Erfahrung nach ein großer Faktor für den Erfolg der Teams, die es wirklich einsetzen, eine Modeerscheinung ist es definitiv nicht.

        Zu eduScrum: auch wenn man eher der Individualist ist, muss man in der heutigen Gesellschaft teamfähig sein – kaum eine Arbeit lässt sich komplett alleine erledigen. Darauf sollte die Schule vorbereiten und ich finde eduScrum erfrischend revolutionär, es so abzutun finde ich schade.

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