Lehrer:innen haben die Macht!

Lehrer haben die Macht

Macht.

Ein großes Wort, wie ich finde.

Und für uns Lehrer:innen ein Aspekt des Berufs, der immer mitschwingt. Deshalb lohnt es sich, genauer darauf zu schauen, wie sich Macht auf Beziehungen auswirkt, die wir in der Schule eingehen. Das ist einer der 10 wichtigsten Schritte für eine neue, beziehungsstarke Lernkultur.

Tatsächlich finden wir ein Machtgefälle in fast allen Konstellationen: Ob wir mit Eltern in Kontakt sind, mit der Schulleitung oder eben mit den Kindern. Auch im Kollegium gibt es unterschiedliche Aufgaben zu verteilen, sodass fast jede:r verantwortlich für ein Rädchen im Schulsystem ist und ein bisschen mehr Macht, also Entscheidungsbefugnis, hat.

Negatives Denken über Macht hat Folgen

Was denkst du über Macht?

Verbindest du, wie viele Menschen, damit Machtmissbrauch?

Dann wirkt sich das direkt auf deine Beziehungen aus.

  • Bist du in einer Machtposition gegenüber deinen Schüler:innen, willst du sie irgendwie verstecken.
  • Hat der andere die Machtposition, sind dir solche Begegnungen eher unangenehm.
  • Falls dich eine Beförderungsstelle interessiert, vermeidest du gleichzeitig, sie zu bekommen oder wenn du sie hast, eierst du in der Kommunikation herum, anstatt klar zu sein.
  • Oder willst du die Macht bei anderen abbauen, damit sie dir nicht gefährlich werden können? Das zeigt sich darin, dass du Aufträge nach deinen Vorstellungen umsetzt oder Bedingungen nicht einhalten willst.

Kurzum: Wenn du negativ über Macht denkst, verlierst du und alle mit dir.

Was auch oft mit Macht verbunden wird, ist die Angst vor Ablehnung.

Wir glauben: Sobald wir Macht haben, werden wir abgelehnt, denn wir gehören nicht mehr dazu. Dies kann auch ein Grund sein, wieso wir Macht ablehnen oder verschleiern wollen.

Hier gilt jedoch: Abgelehnt werden können wir immer, ob wir viel Macht haben oder wenig.

Wir können die Macht nicht weg kontrollieren

Die scheinbare Lösung liegt darin, Macht aus den Beziehungen raus zu kontrollieren. Dann fallen wir von der anderen Seite vom Pferd! Es funktioniert einfach nicht, besonders nett und kumpelhaft zu sein, um das Machtgefälle zu verschleiern, Dinge nicht anzusprechen, um Konflikte zu vermeiden (bei denen man immer die Lösung vorgeben könnte).

Als Lehrer:in wirst du schnell gemerkt haben, dass deine Schüler:innen dich nicht ernst nehmen, wenn du ihnen Entscheidungen überlässt, die du zu treffen hast. Damit überträgst du ihnen Verantwortung, die sie überfordert. Denn das ist es ja!

Lehrer:innen haben die Verantwortung im Klassenraum und für die Qualität der Beziehung zu den Schüler:innen. Das von sich weg zu schieben bedeutet, seinen Job nicht zu machen.

Darin steckt sogar ein Trugschluss. Du bist immer verantwortlich für deine Ergebnisse, ob du das willst oder nicht. Wenn du als Lehrer:in also auf klare Kommunikation verzichtest, weil sie dir autoritär erscheint, bist du für das Ergebnis auch verantwortlich. Eine praktikable Lösung wäre demnach, die eigene Macht anzuerkennen und sie für die anderen einzusetzen, statt gegen sie.

Denn Macht an sich ist weder positiv oder negativ, sondern was wir mit ihr tun. Statt auf vorgegebene Regeln zu pochen oder eine unklare Haltung zum Umgang miteinander zu zeigen, können wir mit Interesse, Respekt und Empathie leiten. So werden Schüler:innen nicht gehorsam oder überfordert, sondern gesehen. Sie bekommen eine Idee davon, wie sie es selbst später handhaben können. Und Schulleitungen bringen aus ihrem Kollegium neue Schulleitungen hervor, die Lust haben, Schule machtvoll zu gestalten.

Willst du deine Macht für andere einsetzen oder gegen sie?

Weil das Thema oft theoretisch bleibt, möchte ich hier noch zwei Beispiele anbringen.

Zwei Schüler werfen sich im Unterricht Schimpfwörter an den Kopf.

Ein autoritäres ‚Wir streiten uns nicht!‘ oder gar ‚Wir sind nett zueinander!‘ bringt da schon mal nichts.

Was für eine bekloppte Regel! Überall, wo Menschen zusammen kommen, gibt es Konflikte. Genau damit umzugehen, ist doch eine notwendige Fähigkeit.

Die Situation zu ignorieren nach dem Motto: ‚Die regeln das schon!‘ funktioniert auch nicht. Möglich wäre ein Gespräch unter sechs Augen, bei dem die Ursache gefunden wird. Das mag für Einige weichgespült sein – ist es nicht, wenn beide Seiten ihren Anteil an dem Konflikt erkennen; den haben IMMER beide. Weichgespült ist es nur, wenn das nicht gelingt und eine Entschuldigung verlangt wird, obwohl sie nicht ernst gemeint ist. Dann kann man sich das Gespräch auch sparen.

Eine andere Situation ereignete sich vor einiger Zeit in meinem Matheunterricht der 11. Klasse: Ein Schüler kam 20 Minuten später zur Stunde und unterhielt sich erstmal mit seinem Freund. Mit aller Macht polterte ich vor dem Kurs: „Wenn du schon zu spät kommst, brauchst du hier keine Party zu veranstalten!“ Überraschung – er war beleidigt und sagte den Rest der Stunde über gar nichts. Mein Verhalten würde ich als respektlos und uninteressiert beschreiben, das war daneben.

Ein aufschlussreiches Gespräch

Weil ich das doch bemerkte, ging ich nach der Stunde zu ihm und fragte nach:

„Was war denn los?“

„Mathe ist total sinnlos jetzt, ich muss die Stufe wiederholen. Und da dachte ich, es wäre egal, ob ich komme oder nicht.“

Damit hatte ich nicht gerechnet und meine Reaktion erschien mir noch überzogener als ohnehin schon.

„Ok, das ist wirklich doof und ich kann sogar nachvollziehen, dass es für dich sinnlos ist. Dass ich dich so angefahren habe, tut mir leid. Ich möchte dich nach wie vor dabei haben, denn ich merke, ob du da bist oder nicht. Und ich will auch, dass du pünktlich da bist, wenn du kommst, denn du unterbrichst sonst alle Anderen. Das war auch der Grund, wieso ich sauer war.“

„Ok, das hatte ich nicht auf dem Schirm. Tut mir leid, dass ich die anderen eben unterbrochen habe.“

In der nächsten Stunde war er da. Pünktlich.

Mir ging es letztlich nicht um Pünktlichkeit, sondern darum, ihn weiterhin zu erreichen. Und es hat funktioniert: Mit Interesse, Empathie und zugleich klarer Kommunikation über das, was ich will.

Welche Erfahrungen hast du damit gemacht, im Gespräch weiter zu kommen, anstatt auf deine Machtposition zu pochen?

Deine Ann-Marie

P.S.: Inspiration für den Artikel war Annas Podcast bei Denkwandel (#42: Was bedeutet es machtvoll zu sein?). Höre bei Interesse gern rein!

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