Drei Irrtümer rund um Konsequenzen für Schüler*innen

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Du bist bereit, Schule beziehungsstark zu machen und deinen Schüler*innen wertschätzend und vertrauensvoll zu begegnen? Aber in Konfliktsituationen und bei Regelübertritten von Schüler*innen meldet sich die Unsicherheit? 

Dann lies weiter, denn du erfährst, welche drei Irrtümer solche Situationen eher verschärfen und was du stattdessen tun kannst, um auch dann beziehungsstark zu bleiben.

Das Hauptproblem

Das Hauptproblem liegt darin, dass du das Verhalten von Schüler*innen ändern willst, sobald es nicht so läuft wie gewünscht. Doch das kannst du nicht. Viel wichtiger ist der Fokus auf dein eigenes Handeln. Das kannst du beeinflussen. Insofern sind es eigentlich vier Irrtümer 😉

Das Schülerverhalten soll z.B. durch Belohnungssysteme geregelt werden. Es wird festgehalten, was sie tun oder lassen sollen und ggf. auf einem Regelplakat festgehalten. Die Regeln sind vielleicht klar – was aber passiert, wenn sie nicht eingehalten werden, bleibt meistens offen.

Welche Probleme treten auf, wenn Regeln nicht eingehalten werden oder es zu Konflikten kommt?

An einem Beispiel lässt es sich besser erklären. Nehmen wir an, deine Schülerin in der Mittelstufe benutzt im Unterricht ihr Handy, obwohl sie es nicht soll.

Irrtum Nr. 1: Du musst sofort klärend reagieren

Da habt ihr die Regeln besprochen und deine Schülerin benutzt ihr Handy im Unterricht trotzdem. Du willst diesem Verhalten sofort Einhalt gebieten. Deshalb gehst du augenblicklich zu ihr und forderst sie auf, dir das Handy zu geben. Vielleicht sagst du auch, dass ihre Eltern es am Ende des Schultages wieder abholen können. Und dann weigert sie sich: „Das dürfen Sie gar nicht!“

Wieso ist es problematisch, sofort mit einer Konsequenz zu reagieren?

Wenn du jedes unangebrachte Verhalten auf der Stelle sanktionierst, machst du bald nichts anderes mehr. Denn es ist wie ein Vergeltungszwang, der dich tatsächlich bindet. UND du brauchst einen Sanktionskatalog, denn durch die Verschärfung der Lage müssen auch die Sanktionen härter werden. In unserem Beispiel würdest du direkt die Schulleitung anrufen und fordern, dass die Schülerin für den Tag suspendiert wird.

Für dich ist es problematisch, weil du dich als hilflos erlebst. Denn eigentlich ist der Konflikt damit ja gar nicht geklärt, nur mit einer Machtdemonstration unterbunden. Die Beziehung zur Schülerin könnte gelitten haben und das belastet zusätzlich.

Es ist immer blöd, wenn Situationen sich hochschaukeln. Du bist dann emotional verwickelt und hast im Schulalltag kaum Pause, um von diesem Level wieder herunterzukommen. Es bedeutet also Stress für dich.

Es gibt nur eine Ausnahme: Sobald es darum geht, Schüler*innen zu schützen, ist eine schnelle Reaktion notwendig. Das ist bei Gewalt der Fall. Ein Handy im Unterricht erfordert es zunächst nicht.

Welche beziehungsstarke Alternative gibt es?

Fokussiere dich auf dein eigenes Handeln und nicht darauf, das Verhalten deines Gegenübers zu verändern. Um beziehungsstark zu reagieren, sollten „emotionale Schnellschüsse“ (nach Haim Omer) vermieden werden. Das ist einfacher, wenn die Lösung vertagt wird.

Ja genau: Du hast nicht unmittelbar die Konsequenz parat, sondern überlegst sie dir in Ruhe.

Das klingt paradox, oder? Wenn du der Schülerin jetzt nicht sagst, was passiert, hast du morgen doch zwei weitere im Kurs damit sitzen, weil du nicht reagierst.

Deshalb kommt noch ein zweiter Schritt hinzu, aber dazu weiter unten mehr.

Für den Moment ist wichtig: Deine Handlungskompetenz steigt, wenn du die Lösung vertagst. Dadurch fühlst du dich selbstwirksamer und kannst in ähnlichen Situationen souveräner reagieren. Du investierst mit der Verzögerung also langfristig in dein erfülltes Leben als Lehrer:in.

Die erste Alternative als Kurzversion: Verzögerung statt Unmittelbarkeit  

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Irrtum Nr. 2: Du musst das sofort UND alleine regeln

Spätestens an diesem Punkt kommt das Einzelkämpfertum in Schulen an seine Grenzen. Für viele Lehrkräfte ist es immer noch so, dass um Hilfe zu bitten, Schwäche bedeutet.

Dahinter steht der Gedanke, dass wir als Herrschende im Klassenraum auch alle Konflikte verantworten und alles, was öffentlich wird, auf unsere Kappe geht. Als hätten wir die Klasse nicht im Griff.

So tief sitzen veraltete Rollenbilder.

Wie wahrscheinlich ist es z.B., dass du den Kollegen oder die Kollegin im Raum nebenan dazu bittest, um gemeinsam das langsam eskalierende Handyproblem zu lösen?

Ein anderer Grund, warum du keine Unterstützung einholst, könnte fehlende Verbundenheit im Kollegium sein.

Du bist präsent in deinem Unterricht. Doch aus Sicht der Schüler:innen ist es wichtig, wie präsent das Kollegium insgesamt ist. Wenn diese Verbindung untereinander fehlt, bleibt es bei „Ich bin präsent“ statt „Wir sind präsent“.

Das bedeutet für dich wiederum eine größere Belastung.

Gemeinsam statt allein

Hier kommt die zweite Alternative, die das Vertagen der Lösung ergänzt. Es geht um Unterstützung und dein Netzwerk.

Damit bist du in der Lage, der Schülerin zu sagen:

„Ich sehe, dass du dein Handy anderweitig im Unterricht benutzt und das funktioniert hier nicht.“ (Stellung nehmen)

„Ich werde mich mit deiner Klassenleitung / dem Jahrgangsteam / deinen Eltern usw. beraten. Wir werden dir mitteilen, wie wir darauf reagieren werden.“ (Ankündigung)

So hast du also deutlich gemacht, dass du das Verhalten wahrnimmst und nicht akzeptierst. Gleichzeitig verzögerst du die Reaktion. Du musst nicht sofort eine Sanktion parat haben.

Vielmehr zeigst du, dass du dahingehend mit anderen zusammenarbeitest. Es ist eine Kultur von „Wir sind präsent“ statt „Ich bin präsent“.

Ganz nebenbei lässt sich diese Kultur fördern, indem ihr die Klassentüren während des Unterrichts offen lasst.

Die beziehungsstarke Alternative in kurz: Vernetzung statt Einzelkämpfertum

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Wer trägt hier die Verantwortung?

Letztens las ich einen Kommentar bei Instagram, der mich nachdenklich gemacht hat. Die Person beschrieb darin, wie erfolgreich es dort läuft, dass die Kinder in der Klasse sich die Strafen für die anderen Kinder ausdenken und Strichlisten über falsches Verhalten führen. Die Lehrkraft war überzeugt, dass die Klasse dadurch lernt, zusammen zu halten und sich an Regeln zu halten.

Ich sehe das ganz und gar anders. Die Kernfrage ist nämlich, wer verantwortlich für einen sicheren Rahmen in der Schule ist. Es sind nicht die Kinder. Sie können keine Verantwortung für Strafen übernehmen, die andere Kinder betreffen.

Das heißt, diese Lehrkraft hat ihre Verantwortung den Kindern übertragen und überfordert sie dadurch. Für die Lehrkraft mag es kurzfristig entlastend wirken – es vergiftet allerdings das Klassenklima UND schwächt die Präsenz der Lehrkraft.

Damit kommen wir zum dritten Irrtum:

Irrtum Nr. 3: Du darfst nicht dein Gesicht verlieren!

Das Einzelkämpfertum führt dazu, dass du in Konfliktsituationen schnell in emotionalen Stress gerätst. Sobald du mit dem Rücken zur Wand stehst, willst du vielleicht nur noch dein Gesicht wahren, oder?

Wir neigen auch dazu, solche Konflikte nicht an die große Glocke zu hängen. Regelverletzungen werden nur mit dem betreffenden Kind geklärt und der Rest der Klasse oder Schulgemeinschaft erfährt womöglich gar nichts davon.

Dazu gesellt sich noch ein Gedanke. Spätestens auf diesem Level unterstellst du deinem Gegenüber eine feindliche Absicht. Die Schülerin macht das extra, will dich provozieren, das sieht doch jeder!

In der Folge ziehst du dich zurück, um nicht wieder dein Gesicht verlieren zu müssen. Vielleicht schaust du auf dem Schulhof darüber hinweg, wenn besagte Schülerin ihr Handy auch dort in der Pause zückt. Du fährst damit deine Präsenz herunter, um Energie zu sparen.  
Doch im Grunde hast du damit dem Verhalten stillschweigend zugestimmt.

Verbindlichkeit durch Öffentlichkeit

Das Gegenteil heißt, deine Präsenz und die aller Kolleg*innen zu erhöhen.

In besagter Handysituation könnte es bedeuten, in der nächsten Stunde öffentlich zu machen, dass du dich mit der Klassenleitung / im Jahrgangsteam usw. abgesprochen hast und was genau ihr ab jetzt unternehmt. Das erhöht die Verbindlichkeit eurer Entscheidung und damit eure Präsenz.

Wichtig dabei: Es geht nicht ums Tribunal. Ihr nehmt die Haltung des guten Grundes ein. Mit dem Verhalten erfüllt sich die Schülerin demnach ein Bedürfnis. Sie nutzt ihr Handy für sich und nicht gegen euch.

Die Veröffentlichung eurer nächsten Schritte dient der Transparenz und dem Schutz der anderen.   

Mögliche Maßnahmen

Was könntest du denn nun in unserer Beispielsituation unternehmen? Eine mögliche Lösung wäre der Handyparkplatz im Unterricht, von dem ich auf Instagram schon berichtet habe. Ein Handyparkplatz ist praktikabel, nicht dogmatisch und bringt Klarheit.

Du siehst: Es geht gar nicht in erster Linie darum, welche Sanktion die Schülerin erhält, sondern was DU bzw. IHR tut, um ab sofort einen sicheren Rahmen für alle zu halten.

Für deine Schülerin lautet die Konsequenz schlicht, dass sie diesen Handyparkplatz ab sofort nutzt.

Eine beziehungsstarke Konsequenz auf ein Verhalten ist außerdem die Wiedergutmachung. Im Handybeispiel finde ich sie nicht geeignet, eher nach Auseinandersetzungen zwischen Schüler*innen oder Vandalismus.

Der einfachste Weg für Präsenz in den Pausen ist die körperliche Anwesenheit in sämtlichen Bereichen, auch dort, wo sich Schüler*innen verkrümeln. Du kommst mit den Schüler*innen ins Gespräch, musst du aber nicht. Erstmal bist du sichtbar für sie. Und falls sie sich nicht an Regeln halten, sprichst du das dort an.

Alternative als Kurzversion: Öffentlichkeit statt Rückzug

Präsenz ohne Drohung

Was genau ist daran beziehungsstark? Für mich ist besonders der Begriff der Präsenz wichtig. Präsenz meint in diesem Zusammenhang

„Beharrlichkeit und Beziehungsangebot ohne drohende oder machtorientierte Verhaltensweisen“

(Lemme/Körner S. 25)

Damit wir nicht in Machtkämpfe verfallen, brauchen wir einen klaren Kopf. Deshalb ist die Verzögerung so wichtig.

Zudem mag es aufwendig erscheinen, dein Netzwerk aufzubauen. Hier brauchst du klare Ansprechpartner*innen und sie sind nicht an allen Schulen gegeben. Aus meiner Sicht lohnt es sich, im Kollegium Bande zu knüpfen und die Eltern in gemeinsamer Sorge um das Kind ins Boot zu holen.

Weiterführende Literatur

Falls du dich intensiver mit dem Konzept der „Neuen Autorität“ nach Haim Omer beschäftigen möchtest, empfehle ich dir diese zwei Bücher:

  • Haim Omer und Regina Haller: Raus aus der Ohnmacht. Das Konzept Neue Autorität für die schulische Praxis (2020)
  • Martin Lemme und Bruno Körner: „Neue Autorität“ in der Schule. Präsenz und Beziehung im Schulalltag. (6. Aufl,. 2022)

Welchem Irrtum bist du bisher aufgesessen? Und wirst du die Alternative umsetzen?

Deine Ann-Marie

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