Gehirn-gerechte Übungen für Schule und Zuhause oder: Birkenbihl to go

gehirn-gerechte Übungen für Schule oder Zuhause

Ich sitze mit KollegInnen am Tisch und erzähle, wie meine SchülerInnen und ich gehirn-gerecht lernen. Manche sind interessiert, wenige kritisch. Ich erkläre ihnen kurz: Wir nutzen die Art und Weise, wie das Gehirn funktioniert und lernen beispielsweise NICHTS auswendig. Stattdessen setzen wir auf Wiederholung, positive Emotionen, Assoziation und Kooperation. Die erste Frage, die sich ergibt: Funktioniert das wirklich? Ja! Unsere Ergebnisse und vor allem unser Lernklima sprechen für sich. Die zweite Frage: Ist das nicht sehr intensiv in der Vorbereitung für dich? Nein. Ich merke keinen Unterschied zum klassischen Unterricht, bei dem ich schließlich auch nicht Alles aus dem Schrank ziehen und über jeden neuen Kurs ergießen würde.

Wie ist es bei dir: Hast du schon etwas vom gehirn-gerechten Lernen gehört und fragst dich, was das konkret bedeutet? Ich möchte dir heute einige Werkzeuge zeigen, die du direkt im Unterricht einbauen oder Zuhause mit deinem Kind anwenden kannst, egal in welchem Fach. Außerdem erkläre ich jeweils kurz, wieso die Übung überhaupt gehirn-gerecht ist.

Ich finde, jede gehirn-gerechte Methode mehr ist ein Gewinn für Alle und keiner muss ausschließlich oder von heute auf morgen gehirn-gerecht vorgehen. Wenn du als Elternteil dein Kind in diesen Corona-Ferien unterstützen willst und kannst, wären hier ein paar Ideen. Heute geht es also um „Birkenbihl to go“: Was passt du dir und kannst du direkt einsetzen? Hier eine kurze Liste unserer Übungen:

  • ABC-Liste
  • KaWa
  • Kategorisieren
  • Chorsprechen
  • Stopp-Spiel
  • Rollenspiel
  • Fliegenklatschen-Memory
  • Eselsbrücken

ABC-Liste

Der Klassiker! Wir schreiben einfach links auf ein DINA4-Blatt die Buchstaben A bis Z untereinander. Zu einem Thema unserer Wahl füllen wir die Liste mit themenverwandten Begriffen. Dies nicht streng von A bis Z, sondern indem wir immer wieder die Liste auf und ab gehen. Unser Gehirn denkt grundsätzlich assoziativ. Deshalb fallen uns zu einzelnen Buchstaben passende Wörter ein. Als ich diese Methode meinen Schülerinnen vorgestellt habe, füllten wir eine ABC-Liste zum Thema ‚Schule‘. Sehr spannend, was dabei zutage kam. 🙂

Die Übung dient einerseits dazu, das bereits vorhandene Wissen zu einem Thema zu verdeutlichen. Andererseits können wir daran ablesen, was sich derzeit in uns zu diesem Thema abspielt (vgl. V. Birkenbihl: Sprachenlernen leichtgemacht, S. 214). In diesem Artikel wird die Arbeit mit ABC-Listen sehr detaillert beschrieben.

Das Spiel Stadt-Land-Fluss bedient sich des gleichen Mechanismus! Wie wäre eine Runde in der nächsten Stunde mit Kategorien deines Fachs?

Erweiterungen der ABC-Liste

Das Schöne ist, dass alle ihre Liste indiviuell füllen oder eben nicht füllen: Lücken sind genauso erlaubt wie mehrere Antworten pro Buchstabe. Wir können die ABC-Liste dann mit einer weiteren Funktionsweise unseres Gehirns verknüpfen. Wir können im Anschluss unsere Ergebnisse mit denen Anderer vergleichen und z.B. nach rechts hin weitere Begriffe ergänzen. Dadurch füllen wir 1. die thematische Übersicht und animieren 2. unseren Speicher sich zu erweitern.

Und noch eine Variante ist möglich. Im Austausch mit einem Partner können die Schülerinnen die einzelnen Begriffe übergeordneten Kategorien zuordnen. Das Kategorisieren ist nämlich der nächste wichtige Mechanismus und funktioniert z.B. mit Fragen wie „Was ist gleich oder ähnlich? Was gehört zusammen?“. So bilden wir gedankliche Schubladen und strukturieren unser Wissen. Wichtig ist, dass ein Begriff häufig mehreren Kategorien zugeordnet werden kann. Mehrere Schülerpaare finden andere Kategorien für das gleiche Wort. Das Kategorisieren ist natürlich nicht auf Begriffe beschränkt (vgl. Holenstein S. 43). Wir können Gegenstände, Bilder, Geräusche, Gerüche usw. einsortieren…so wie wir es im Alltag unbewusst automatisch tun. Damit zeigt sich, dass in jedem Fach kategorisiert werden kann.

KaWa

KaWa bedeutet eigentlich: ‚Kreative Ausbeute von Wort-Assoziationen‘. Ein KaWa bezeichnete Vera F. Birkenbihl als den kleinen Bruder der ABC-Liste. Die Unterschiede: Wir haben kein ganzes ABC zu füllen, sondern arbeiten mit den Buchstaben unseres Schlüsselworts oder Merksatzes. Statt von oben nach unten zu wandern, schwenken wir von links nach rechts. Eigentlich kann man sich ein KaWa wie eine Mind-Map vorstellen, die sich an die einzelnen Buchstaben des Schlüsselworts hält.

Ein KaWa-Beispiel, gefunden bei akademie-fuer-lernmethoden.de

In meinem Pädagogik-Kurs haben wir zum Begriff ‚Pädagogik‘ ein KaWa angelegt. Erst alle für sich (auch ich an der Tafel). Dann im Austausch mit den Anderen. Wir sammelten sowohl bisheriges Wissen aus dem Unterricht als auch allgemeine Assoziationen zur Erziehung. Es war schön zu sehen, was bei ihnen hängen geblieben ist und wie sie immer wieder Begriffe der Anderen bei sich ergänzten. Wir werden in regelmäßigen Abständen das gleiche KaWa wieder füllen, um direkt unseren Lernfortschritt abzubilden. Es ist auch denkbar, bei fortgeschrittenem Unterricht einzelne Teilgebiete zu füllen. Hätten wir z.B. beim ersten Mal ‚demokratischer Stil‘ beim d in ‚Pädagogik‘ eingetragen, könnten wir künftig ein KaWa zu ‚Demokratieerziehung‘ füllen.

Abgesehen davon sind bei KaWas der Kreativität keine Grenzen gesetzt, wie bunt, groß oder gestaltet es ist. So ist jedes ein Unikat.

Kategorisieren

Vokabelkarten der neuen Lektion

Den Mechanismus habe ich bereits beschrieben. Jetzt stelle ich noch ein paar Anwendungsbereiche vor. Neben ABC-Listen können wir auch Vokabelkarten kategorisieren. Wir beginnen nach der Erarbeitung der neuen Lektion mit den dazugehörigen Wörtern. Diese sind dann nicht mehr neu, weil wir die Texte dazu aktiv und passiv gehört haben. (Hier habe ich über die 4 Schritte des Sprachenlernens geschrieben.)

Wir sortieren z.B. nach Wortarten. Da finden wir Verben, Substantive, Adverbien, Adjektive, Konjunktionen usw. Im zweiten Schritt können wir diese Kategorien wieder unterteilen. Bei Verben ergeben sich verschiedene Konjugationen, bei Substantiven Deklinationen…

Daneben ist – wie im Beispiel der ABC-Liste – auch möglich, inhaltlich einzuteilen. So haben wir eine Person gezeichnet, um die Kopf- und Herzverben einzutragen: Alle uns bekannten Vokabeln, die mit Sehen, Sprechen, Hören, Denken und Fühlen zu tun haben.

Vokabelkarten aus bisherigen Lektionen

Es können auch Wörter aus bisherigen Lektionen gemischt werden, die immer wieder neu kategorisiert werden. Vokabelwiederholung inklusive. Ich habe dazu Schülerpaare eingeteilt, die ihre Karten sortierten. Im Anschluss wechselten die Paare die Station und sortierten die anderen Karten. Jede Gruppe hat für dieselben Karten neue Einteilungen gefunden.

Texte farbig dekodieren

Alternativ beschäftigen wir uns direkt mit dem Text, statt mit einzelnen Wörtern. Dann markieren wir verschiedene Wortarten mit einer eigenen Farbe. Weil wir sowieso alle Texte als Dekodierung kopiert vor uns haben, ist das Markieren kein Problem. Damit absolvieren wir einzelne Grammatikübungen und haben keine Langeweile dabei 😉 Gut ist auch, gemeinsam nach Wortarten zu suchen und im Austausch miteinander zu markieren. Wieder: gehirn-gerecht!

Andere Fächer: Fachbegriffe auf Karten

Neben den Fremdsprachen gibt es noch Fächer, in denen viele Fachbegriffe zu lernen sind. Auch dafür eignet sich das Kategorisieren wunderbar. Besonders als Prüfungsvorbereitung können Oberthemen für Begriffe gefunden oder Begriffsgruppen voneinander abgegrenzt werden.

In Pädagogik mache ich daraus ein Spiel. Jeder bekommt einen Begriff zugeteilt, zu dem er die passende Gruppe finden muss. Dazu müssen alle miteinander in den Austausch kommen und diskutieren, warum sie zusammen gehören oder nicht. Am Ende findet jede Gruppe das ihnen gemeinsame Oberthema. Es gibt z.B. ‚bedingter Reiz‘, ’neutrale Reaktion‘, ‚unbedingte Reaktion‘ und ‚bedingte Reaktion‘. Die Gruppe findet sich und findet heraus: „Wir stellen die klassische Konditionierung dar!“ Allerdings fehlen noch einzelne Begriffe, um ein komplettes Ablaufschema zu erstellen. Das ist wiederum deren gemeinsame weiterführende Aufgabe.

Chorsprechen

Wundert dich diese altbackend anmutende Übung in dieser Liste? Ich wusste auch nicht, dass sie wunderbar gehirn-gerecht ist. Nachdem wir eine Lektion gehört haben, ist das Chorsprechen ein guter Indikator dafür, ob wir mit den Aktivitäten beginnen können. Bei der Übung können sich die Einzelnen trauen, selbst die Fremdsprache zu sprechen, ohne groß aufzufallen. Sie bekommen sofortiges Feedback zu ihrer eigenen Aussprache, weil sie die anderen mitsprechen hören. Das sofortige Feedback ist das Gehirn-Gerechte daran (vgl. Holenstein S. 83). Wir nutzen die Spiegelneuronen, die auf Situationen reagieren, in denen wir uns harmonisch in ein großes Ganzes einfügen. Diese Spiegelneuronen sind für das Imitieren eines Verhaltens (also auch der Aussprache) notwendig. (Birkenbihl S. 88f.)

Vielleicht fragst du dich, wieso ich im Lateinunterricht so auf die Aussprache setze? Hier noch ein Beispiel dazu. Wir haben den Imperativ der konsonantischen und der i-Konjugation behandelt. Sie unterscheiden sich nur durch die Betonung einer Länge, z.B. „audiiite“ und „eeemite“. Im herkömmlichen Unterricht würde niemandem auffallen, dass die Formen anders sind. Sie haben die gleiche Endung, fertig. Jetzt beim Chorsprechen haben alle selbstverständlich richtig betont: Und auf Basis der Betonung habe ich problematisiert, dass wir hier zwei Gruppen von Verben haben. Wir sind also erst dadurch auf die Grammatik gekommen. Wunderbar!

Stopp-Spiel

Diese Übung beschreibt Holenstein (S. 90f.) so: Zwei SchülerInnen sitzen zusammen. A hat den Text vor sich, B nicht. Wenn wir ausreichend lange passiv gehört haben, ist folgendes Vorgehen möglich: A liest einen Satz vor und stoppt mittendrin. B vervollständigt den Satz und spricht den Text aus dem Kopf weiter. A löst wieder ab und stoppt irgendwann wieder, B übernimmt…Die Lernenden profitieren vom Hören der Aussprache des Anderen (Imitation) und erhalten ein sofortiges Feedback über ihre eigene Aussprache.

Das Stopp-Spiel und das Chorsprechen können kombiniert werden. Dann lese ich als Lehrerin, stoppe und der gesamte Kurs vervollständigt den Satz oder spricht sogar weiter.

Rollenspiel

Es ist enorm motivierend, wenn die SchülerInnen in der Fremdsprache frei sprechen können! Rollenspiele sind gehirn-gerecht, weil wir gemeinsam etwas erleben, imitieren, uns bewegen….durch das aktive und passive Hören brauchen wir nur wenig Übungszeit für das Spielen der Lektionstexte. Deshalb setze ich die Methode vergleichsweise oft ein.

Grundsätzlich kommt die Übung den Kindern und Jugendlichen entgegen, weil sie sich dabei bewegen können. Ich finde, Bewegung wird in der Schule bisher sehr vernachlässigt. Lernen und Bewegung hängen zusammen. Also nutzen wir das doch!

Fliegenklatschen-Memory

Definitiv unsere Lieblingsübung! Darüber und über unsere ersten Erfahrungen mit der Methode im Lateinunterricht habe ich hier geschrieben. Da wir die Vokabeln in erster Linie in der Form im Gehirn verankern, wie sie im Text vorkommen, ist Memory eine super Ergänzung. Hier prägen wir uns die Grundformen aus der Vokabelliste ein und verbinden die deutsche Bedeutung damit. (Wobei ich hinzufügen muss: Über die Schritte des Sprachenlernens abstrahieren die Schüler bereits die Grundform vieler Wörter!)

Für Memory brauchen wir Karten mit den lateinischen und solche mit deutschen Wörtern. Damit wir die nicht bei jeder Lektion neu abschreiben müssen, habe ich mir die Vokabelkartei zum Lehrbuch gekauft und kopiere die lateinische und deutsche Bedeutung vor dem Spiel je einmal. Es ist aber ehrlichgesagt auch schön, wenn wir die Karten selbst erstellen. Dann ist es noch mehr ‚unser‘ Spiel.

Wir spielen in zwei Varianten. Variante 1: Alle haben ihre Fliegenklatsche bereit, um als Erste die richtige Karte zu erwischen. Ich lese das lateinische Wort vor und jede findet schnellstmöglich die Übersetzung. Die Erste, die auf dieses Wort mit der Fliegenklatsche klatscht, bekommt einen Punkt. Variante 2: Alle Karten liegen verdeckt auf dem Tisch. Dazu brauchen wir die Kopien der beiden Seiten (weil ja sonst beim Umdrehen die Lösung offen liegt). Und dann spielen wir klassisches Memory.

Eselsbrücken

Gibt es jetzt noch Vokabeln, die sich die SchülerInnen schlecht merken können? Ja, und es sind wesentlich weniger als ich Lateinlehrerin gewohnt bin 😉 Für diese zu knackenden Wörter überlegen wir uns klassische Eselsbrücken, weil unser Gehirn sich Dinge im Zusammenhang besser merken kann. So merke ich mir bis heute das Verb pati (dulden) mit ‚Mein Vater duldet die Party‚. Warum auch immer fiel mir damals dieser Satz ein. Er muss eigentlich gar keinen tiefen Sinn ergeben, dafür aber eine Assoziation im eigenen Gehirn erzeugen. Damals beendete mein Vater nämlich (wie vereinbart) um 2 Uhr meine Geburtstagsparty, was ich als Teenager total blöd fand. Umso besser, wenn er die Party duldet 🙂

Wichtig ist auch hier, dass die Assoziation entsteht, weil wir das Neue an unser eigenes Wissensnetz anknüpfen. Als Lehrerin Merksätze für Schüler zu erstellen, bringt nicht viel. Das macht am besten jeder selbst. Birkenbihl war der Meinung: „Je alberner, ausgefallener, origineller, witziger etc. etwas ist, desto leichter kann man es sich merken!“ (Birkenbihl S. 98).

Hier findest du viele weitere gehirn-gerechte Übungen

Dies sind die Übungen, wir wir oft einsetzen. Daneben gibt es eine Vielzahl weiterer Möglichkeiten. Wir nutzen auch Rück-Dekodierungen, Lückentexte, Rätsel, … Vera Birkenbihl beschreibt allein 60 Übungen in ihrem Buch, das ich in diesem Artikel zitiert habe.

Wie bei allen meinen Blog-Artikeln zum gehirn-gerechten (Sprachen-)Lernen habe ich aus dieses Mal auf zwei Bücher* zurückgegriffen. Beide verlinke ich hier als Provisionslinks, sodass du sie bei Interesse auch für dich selbst anschaffen kannst:

Karin Holenstein: Gehirn-gerechtes Sprachenlernen. Die Birkenbihl-Methode um Sprachunterricht. hep Verlag (2013)*

Vera F. Birkenbihl: Sprachenlernen leichtgemacht! Die Birkenbihl-Methode Fremdsprachen zu lernen. 36. Aufl. mvg Verlag (2014)* Anm.: Dieses Buch erscheint im Mai 2020 nochmals als Neuausgabe!

Deine Erfahrungen

Hast du bereits Erfahrung mit gehirn-gerechten Übungen, in der Schule oder zuhause? Welche klassischen Übungen aus dem herkömmlichen Unterricht sollten wir beibehalten, weil sie auch dazu zählen? Kommentiere gerne unter dem Artikel, damit diese Übungen Verbreitung finden bzw. nicht in Vergessenheit geraten (wie das Chorsprechen).

Falls du eine oder mehrere der Übungen anwendest, freue ich mich auch über deine Rückmeldung im Kommentar! 🙂

Deine Ann-Marie

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1 Kommentar

  1. Die gro?en Vorteile der Birkenbihl-Methode liegen auf der Hand: Durch diese Vorgehensweise lernt Ihr Gehirn auf sehr naturliche Art und Weise eine neue Sprache. Wohl gemerkt, ohne auch nur eine Vokabel auswendig zu lernen oder Grammatikregeln zu buffeln. Sie simulieren vielmehr das Erlernen einer Muttersprache. Gleichzeitig nutzen Sie aber Ihre bisherigen Sprachkenntnisse (Muttersprache), sozusagen als Lernturbo.

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