Lehrerin und Mutter: Zwei Herzen in meiner Brust

Lehrerin und Mutter

Ich bin Lehrerin und mittlerweile auch Mutter. Heute möchte ich mit dir teilen, wie mein Mutter-Dasein den Blick auf meinen Beruf verändert hat. Dass ich diesen Artikel als Bloggerin überhaupt schreibe, ist z.B. ein Ergebnis davon: Ich sehe, wie meine Kinder wachsen, wie leicht sie sich Neues aneignen. Und zugleich erkenne ich, dass wir mit Schülern anders sind. Darüber denke ich auf diesem Blog nach. Die Natürlichkeit des Lernens ist in der Schule abhanden gekommen und durch Takt ersetzt worden.

Nun geht hier in NRW die Schule wieder los, auch für mich nach meiner zweiten Elternzeit. Ich suche seit Tagen meine Armbanduhr. Das macht mich nervös. Nicht wegen der Uhr, sondern weil mir ein minutengetimter Ablauf bevorsteht, an den ich mich erst wieder gewöhnen muss. Und gegen den ich mich innerlich sträube. Mit meinen Kindern bin ich im Moment, das bin ich als Lehrerin selten. Stundenende, Klassenarbeit, Notenschluss: All das habe ich im Unterricht im Hinterkopf. Wenigstens gibt es an unserer Schule keinen Gong mehr, der unweigerlich die Stunde beendet. Das bedeutet aber eben auch, dass ich meine Armbanduhr mal finden sollte 😉

Armbanduhr vs. „free-floating-Modus“

Wenn ich als Lehrerin solche Gedanken zum Ferienende habe, welche Gedanken haben dann die Schüler? Bevor ich Mutter war, fiel mir diese Künstlichkeit des Schulalltags gar nicht so auf. Schule war für mich eben so. Doch welche Möglichkeiten gibt es, diesen gewohnten Pfad zu verlassen und mehr „free-floating-Modus“ in den Tag zu bringen? Bei den Recherchen für den Blog habe ich Einiges dazu entdeckt! Ich bin begeistert über die Aufbruchstimmung, die einige Lehrer und manche Schulen erfasst hat. So entstehen Lernformate, die den Schülern mehr Freiraum geben, sowohl zeitlich als auch inhaltlich. Und zugleich geben wir Lehrern damit mehr Gelegenheiten, auf die einzelnen Kinder einzugehen.

Da mag jemand einwenden, dass Kinder sich irgendwann damit arrangieren müssen, dass Ziele in einer bestimmten Zeit erreicht werden sollen. Das stelle ich auch erstmal nicht in Frage. Meine Gegenfrage ist eher: Wie arbeiten Erwachsene denn ‚effektiv und effizient‘? Ich behaupte: Wenn sie auf ihre Art in ihrem Arbeitsrhythmus in Teilschritten zum Ergebnis kommen dürfen. Ich finde es z.B. großartig, dass ich neben der Schule auch mit Lieblingskaffee am heimischen Schreibtisch arbeiten kann, wenn ich das möchte. Welche Wahlfreiheiten können wir Schülern in ihrem Lernen geben?

Als Mutter habe ich einen anderen Blick auf mein Kind

Seitdem ich Mutter bin, gehöre ich gleichzeitig zwei Gruppen an. Vorher wusste ich natürlich auch, dass Eltern für ihr Kind das Beste wollen und Schule eine wichtige Rolle dabei spielt. Doch jetzt verstehe ich wirklich, dass Eltern einen anderen Blick auf ihre Kinder haben als Lehrer. Dass sie sich manchmal machtlos fühlen, wenn sich ihr Kind in der Schule mit Lehrern oder Mitschülern plagt. Auch deswegen blogge ich, ich möchte Wege aufzeigen, wie Eltern und Lehrer mehr zueinander finden, im Sinne des Kindes.

Zugleich wird mir heute bewusst, welche Verantwortung ich als Lehrerin habe. Ich nutze diese Verantwortung, indem ich neue Wege mit meinen Schülern gehe. Ich werde in diesem Schuljahr z.B. wieder die Birkenbihl-Methode im Lateinunterricht anwenden, um vom eingestaubten Pauken weg zu kommen. Stattdessen möchte ich meinen Schülern einen lebendigen Zugang zu dieser Sprache zeigen. In Pädagogik sollen möglichst viele aktivierende Elemente rein – weg von ständigem Textlesen. All das vor dem Hintergrund, dass meine Schüler einen persönlichen Sinn im Unterricht erkennen können.

Es braucht ein Dorf – auch für Lehrer

Eltern denken an manchen Abenden: „Dieser Tag lief nicht gut. Ich bin nicht so auf meine Kinder eingegangen, wie ich gerne möchte. Die Geschwister hatten viel Streit“ usw. Lehrern geht das genauso: „Ich weiß nicht, wie ich mit Tobias umgehen soll, mein Feedback an Lara war nicht wertschätzend, in der 9b war ich nicht so gelassen, wie ich sein möchte“. Als Elternteil können wir mit unserem Partner darüber sprechen und in unserem ‚Dorf‘ bei Familie und Freunden finden wir Rückhalt. Dieses Dorf fehlt Lehrern jedoch oft. An meiner Schule gibt es so etwas, das Kollegium unterstützt sich spürbar.

Doch außerhalb der Schulmauern hört es oft auf. Es kommt nicht gut, wenn wir öffentlich über Probleme mit Schülern oder psychische Arbeitsbelastung sprechen. Ich finde, das müssen wir ändern, wenn wir für unsere Kinder eine gute Schulzeit wollen. Denn es steht und fällt mit den einzelnen Lehrkräften, ob unsere Kinder sich gesehen fühlen und herausfinden können, was Alles in ihnen steckt. Ich behaupte, das wollen die allermeisten Lehrer im Umgang mit Kindern erreichen, doch die Umsetzung wird ihnen erschwert. Lasst uns bessere Bedingungen für Lehrer schaffen, indem wir ihnen mehr Rückhalt geben! Denn wir sitzen alle in einem großen Boot.

Noch gehen meine Kinder nicht in die Schule, doch ich wünsche ihnen schon jetzt genau das: Lehrer, die ein Dorf haben, das sie bestärkt, sodass sie sich den Kindern absichtsvoll widmen können. So gewinnen alle Beteiligten: Lehrer, Schüler und ihre Eltern.

Dieser Artikel ist auch als Gastbeitrag bei „Eine Schule für Alle – in Bayern e.V“ erschienen. Der Verein macht sich stark für eine neue Lernkultur. Den Blog findest du auf: https://www.eine-schule.de/blog

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