Mein Weg zur ‚Schule im Aufbruch‘ und was die selbstbestimmten Geburten meiner Kinder damit zu tun haben

Mein Weg zur Schule im Aufbruch und was die selbstbestimmten Geburten meiner Kinder damit zu tun haben
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Alles begann mit einem unscheinbaren Geburtstagsgeschenk.

Meine Mutter schenkte mir das Buch „Jedes Kind ist hoch begabt“ von Gerald Hüther und Uli Hauser. Darin las ich, wie wir mit natürlichen Begabungen (Entdeckerfreude, Beharrlichkeit, Zuversicht…) umgehen. Diese Begabungen werden viel zu oft übersehen und geringgeschätzt.

Tatsächlich sollten wir sie aber fördern, statt in der Schule Wissen in die Schüler:innen hineinzustopfen, das sie höchstwahrscheinlich in der Zukunft kaum gebrauchen können. Ich stimmte den Autoren zu; Kinder sollten lernen, was sie ausmacht, welche Stärken sie haben. Dafür brauchen sie starke Beziehungen zuhause und in der Schule.

Das war 2015. In meinem zweiten Schuljahr mit voller Stelle gewann ich langsam an Sicherheit. Ich war Klassenlehrerin einer Sechsten und bereitete mehrere Kurse in der Q1 auf das Abitur vor.

Durch die Tandemarbeit in meiner Klasse mit meinem Co konnte ich Einiges über Beziehungsarbeit lernen. Einige Stunden investierten wir in die Klassengemeinschaft und in die Persönlichkeitsentwicklung ‚unserer‘ Schulkinder. Mir war es wichtig, dass jedes Kind seine persönlichen Stärken erkannte und bewahrte.

Latein begreifbar machen?!

Gleichzeitig kam ich mit den bisherigen Methoden im Unterricht an meine Grenzen. Die Ergebnisse in Latein waren frustrierend. In der Revision meinte mein damaliger Schulleiter, ich könnte Latein doch viel begreifbarer machen! Und die Grammatik müsste auch nicht so im Zentrum stehen. Wie meinte er das genau, Latein begreifbar machen?

Als ich dann auf die Birkenbihl-Methode stieß, war ich Feuer und Flamme. Latein lebendig werden lassen und gehirngerecht lernen? Das faszinierte mich! In meinem Q2-Kurs wendete ich die Methode an und konnte sofort Erfolge sehen. Wir lernten so nicht nur Latein, sondern machten uns auch den Lernprozess selbst bewusst.

Literatur gehirngerechtes Sprachenlernen
Diese Bücher dienten mir als Grundlage.

Die Methode erkläre ich ausführlich im Artikel „Vokabeln und Grammatik – geht’s auch ohne?“.

Meine erste Geburt lief nicht wie geplant

Eine ’normale‘ Geburt

Ende 2016 wurde unsere Tochter geboren. Die Geburt lief nicht wie erwartet und es wurde ein Kaiserschnitt. Das beschäftigte mich danach sehr und ich dachte, ich hätte es einfach nicht richtig hingekriegt. Ich zweifelte an mir und meinen Fähigkeiten. Ich gab aber auch dem Personal die Schuld, weil ich mich nicht gut begleitet gefühlt hatte.

Heute kann ich gar nicht glauben, was unter der Geburt alles unternommen wurde, um Prozesse zu beschleunigen oder abzuschwächen. Kein Wunder, dass irgendwann gar nichts mehr ging.

Wenig später während meiner Coachingausbildung konnte ich etwas Wichtiges erkennen: Ich war mit einer Konsumentenhaltung in diese Geburt gestolpert, denn ich hatte mich kaum über den Geburtsprozess informiert oder Entspannungsübungen trainiert. Wie viele Frauen dachte ich, die Hebammen und Ärztinnen würden schon wissen, was zu tun sei. (Hier schon ein Hinweis: Eine Geburt ist nichts, was frau einfach auf sich zukommen lassen sollte…)

Ein solches Denken ist wohl normal. Schließlich ging es vielen meiner Freundinnen so; bei ca. 1/3 aller Geburten wird ein Kaiserschnitt durchgeführt. Tja, dann ist das wohl so, oder? Wenn du diesen Blog schon länger verfolgst, weißt du, dass ich mich mit ‚normal‘ aber nicht zufrieden gebe 😉

Selbstbestimmung war mir wichtig

Es war also eine Kombination aus meiner Haltung und dem routinemäßigen Vorgehen des Personals, wodurch eine Interventionsspirale in Gang gesetzt wurde. An deren Ende stand dann der Kaiserschnitt. Für mich stand fest, das passiert mir nicht noch einmal. Meine Selbstbestimmung sollte das nächste Mal im Vordergrund stehen. Ich wollte keine Interventionen wie Wehentropf, Wehenhemmer, Öffnen der Fruchtblase oder PDA – sofern es nicht zwingend notwendig sein würde.

Also las ich Statistiken über Interventionen und deren Notwendigkeit, ließ mir den Geburtsbericht aus dem Krankenhaus zuschicken und informierte mich über den Ablauf der Geburt. Mir ging es nicht darum, mich über das medizinische Personal zu stellen und Entscheidungen grundsätzlich in Frage zu stellen. Meine Motivation war, den Prozess selbst steuern, mich begründet abgrenzen und für mich einstehen zu können.

Verantwortung statt Konsumentenhaltung

Was habe ich aus dieser Erfahrung für mich gezogen? Es macht einen Unterschied, ob ich Verantwortung für mich und mein Wohlergehen übernehme oder nicht. Um in diese Verantwortung zu kommen, muss ich fundierte Entscheidungen treffen können und wissen, was ich will. Beides war zum Zeitpunkt der Geburt nicht der Fall. Deshalb benutze ich den Begriff ‚Konsumentenhaltung‘.

Wie oft werfen wir unseren Schüler:innen vor, dass sie mit einer solchen Haltung in die Schule kommen? Bei ihnen ist es ähnlich. Damit sie Verantwortung für ihren Lernprozess übernehmen können, müssen sie sich Strategien aneignen und erfahren, wie Lernen eigentlich funktioniert. Zeigen wir ihnen diese Strategien und üben sie systematisch ein? Bringen wir ihnen bei, wie Lernen funktioniert, und zwar echtes Lernen und keine Paukerei?

„Menschen werden zukünftig mit großer individueller Verantwortung für die Selbstorganisation ihres Lebens und ihrer Arbeit konfrontiert. Deshalb ist es wichtig, dass Kinder lernen, selbstbestimmt und selbstmotiviert zu lernen. Gerade nicht für Noten und den Lehrer.“

Margret Rasfeld und Stephan Breidenbach „Schulen im Aufbruch“ (2019) S. 38

Zurück in der Schule entwickelte ich meine Haltung weiter

2017 stieg ich wieder in der Schule ein. Viel Energie investierte ich in einen EF-Mathekurs, der mich fachlich und menschlich forderte. Zum Glück – kann ich heute sagen – denn dort wurde mir nach und nach etwas klar. Ich verurteilte die Schüler:innen dafür, dass sie in Mathe resigniert hatten und den Kopf in den Sand steckten.

Wie ich dieses Problem für mich und uns gelöst habe, liest du im Blogartikel „Sollten Lehrer:innen sich bei Schüler:innen entschuldigen?“ Hier sei nur kurz erwähnt, dass ich meinen Schüler:innen seitdem die Wahl lasse und auch eine Fünf ohne moralischen Zeigefinger ansehen kann. So fällt es mir leichter, in Beratungsgesprächen mit ihnen Ziele zu formulieren.

Parallel setzte ich in Latein das Dekodieren und das aktive Hören ein. Auch in diesem Kurs reflektierte ich den Lernprozess und wie unser Gehirn gut lernen kann. Doch obwohl ich vom gehirngerechten Ansatz überzeugt war, traute ich mich noch nicht, auf Vokabeltests zu verzichten. Das alte Denken hatte mich noch im Griff, der Absprung sollte mir erst später gelingen. Nach vier Lektionen schlief mein gehirngerechtes Vorhaben wieder ein. Wahrscheinlich war ich wirklich so sehr mit dem Mathekurs beschäftigt, dass meine Energie nicht für zwei Projekte ausreichte.

Der Potenzialentfaltung auf der Spur

Zuhause sah ich, wie unsere Tochter aufwuchs. Sie lernte aus eigenem Antrieb, vertieft, ausdauernd, kreativ, voller Vertrauen in sich selbst. Der Unterschied zum Lernen in der Schule konnte nicht größer sein! Da fiel mir das Buch „Jedes Kind ist hoch begabt“ wieder in die Hände. Dieses Mal sah ich im Klappentext weitere Informationen zu Institutionen, die Potenzialentfaltung umsetzen.

‚Schule im Aufbruch‘ stand da, das klang gut! Aus Neugierde stöberte ich auf der Seite und war begeistert.

„Schule im Aufbruch ist eine Initiative, die zu mehr Potenzialentfaltung unserer Kinder führen soll. Wir wollen Schulen, die die angeborene Begeisterung und Kreativität von Kindern und Jugendlichen erhalten und fördern.“

schule-im-aufbruch.de, über uns

Diese Schulen setzten neue Lernformate ein. Ich las von Lernbüros, Lernen im Projekt, Lerncoaching, Verantwortung und Schulversammlung. Was ist ein Lernbüro? Die Schüler:innen eignen sich im eigenen Tempo auf geeignetem Niveau die Inhalte der Hauptfäche individuell an. Beim Lernen im Projekt steht die Kooperation im Vordergrund. Lerncoaching durch Lehrkräfte bildet den Rahmen. Dort werden die nächsten Schritte geplant und im Logbuch als Vereinbarung festgehalten.

Wow! Die dahinterstehende Haltung wollte ich mit in meine Schularbeit nehmen. Auch meine Coachingausbildung, die im Sommer 2018 endete, hatte passende Ansätze in petto, wie wir mehr Wertschätzung und Vertrauen in unsere Schulen bringen können.

Ich führte Zielgespräche für Quartalsnoten und reflektierte Glaubenssätze mit meinen Schüler:innen. Meine ‚besondere Vertretungsstunde‘ kam immer wieder zum Einsatz. Das Feedback der Kinder und Jugendlichen bestärkte mich darin; es bedeutete ihnen etwas. Meine beziehungsstarke Haltung wuchs mehr und mehr.

Die zweite Geburt sollte anders laufen!

Was ist nötig, damit es gelingt?

Mitte 2018 stand mein zweiter Mutterschutz bevor.

Zu Beginn meiner Schwangerschaft mit unserem zweiten Kind hatte ich mich direkt um eine Begleitung gekümmert, die mir mehr Selbstbestimmung ermöglichte. Nach meinem Kaiserschnitt kam nur eine Geburt im Krankenhaus für mich infrage. Ich wollte eine persönliche Begleitung. Die fand ich bei Alina: Als Hebamme war sie schon während der Schwangerschaft parallel zur Ärztin meine Ansprechpartnerin und stand als Beleghebamme in Rufbereitschaft für die Geburt.

Alina war genau die Richtige für mein bzw. unser Vorhaben. Denn auch bei Hebammen ist es nicht selbstverständlich, dass sie sich für eine natürliche, selbstbestimmte, interventionsarme Geburt einsetzen.

Zur Geburtsvorbereitung nahm ich mit meinem Mann an einem Hypnobirthing-Kurs teil. Der Kurs räumte mit herkömmlichem Denken über Geburt auf und ich entwickelte ein stärkeres Selbstvertrauen. Ich lernte Methoden, mit denen ich mich selbst in einen entspannten Zustand versetzen konnte. Denn das hatte ich verstanden: Sind mein Körper und Geist entspannt und fühle ich mich sicher, kann die Geburt besser vorangehen.

Ein Meilenstein: Die selbstbestimmte Geburt unseres Sohnes

Und tatsächlich brachte ich unseren Sohn natürlich zur Welt. Das Erlebnis versöhnte mich mit der ersten Geburt, denn ich konnte mit der Unterstützung meines Mannes und Alinas Begleitung selbstbestimmt vorgehen. Nicht nur das, auch die Schmerzen waren viel besser auszuhalten und ich brauchte keine PDA.

Bei dieser Geburt erlebte ich Vertrauen, Zutrauen, Zuversicht, Begleitung ohne Vorschrift und Selbstbestimmung. Was für einen Unterschied das für uns alle machte!

Seit dieser Geburt weiß ich, wozu ich in der Lage bin. Und auch diese Erkenntnis konnte ich auf die Schule übertragen. Wenn Kinder und Jugendliche über sich hinauswachsen sollen, brauchen sie ein Umfeld, das sie darin empowert. Sie brauchen Erwachsene, denen es ein Herzensanliegen ist, sie zu ermutigen und ihnen einen Vertrauensvorschuss geben. Im herkömmlichen Denken über Schule und Lernen ist dafür aber kaum Raum.

Zwei wichtige Bücher für beziehungsstarke Lehrkräfte!

Wenn Schule sich also verändern soll, müssen wir uns trauen, unsere eigenen Grenzen im Kopf zu sprengen. Anders geht es nicht. Warum das so schwer ist? Weil wir selbst durch dieses Schulsystem gegangen sind und uns gar nicht bewusst ist, dass wir das wirklich umsetzen könnten! Auch deshalb ist mir mein Coaching für Lehrkräfte so wichtig. Dadurch erfahren sie wieder, wofür es sich lohnt in die Schule zu gehen.

beziehungsweise Schule ging an den Start

Während meiner zweiten Elternzeit verschlang ich förmlich Literatur von Ulrike Kegler, Jesper Juul, Andreas Reinke und weiteren Bildungsaktivist:innen. Ihnen gemeinsam war der Ansatz, Schulen über starke Beziehungen zu verändern. Als unser Sohn wenige Monate alt war, startete ich am 1. Januar 2019 diesen Blog, auf dem ich diese und meine Gedanken vereinte.

Das Konzept der ‚Schulen im Aufbruch‘ ließ mich nicht mehr los. Als ich dann herausfand, dass eine Schule in der Nähe sich der Initiative angeschlossen hatte, musste ich unbedingt dort hospitieren! Am Hospitationstag fühlte es sich an wie nach Hause zu kommen. Die Atmosphäre im Gebäude, die Gespräche mit den Menschen nährten genau das, was ich mir von Schule wünschte.

Ich bloggte weiter und startete meinen Account bei Instagram und Facebook. Dort entstand ein Austausch mit Gleichgesinnten und ein unterstützendes Netzwerk.

Zurück in die Schule mit kühnen Plänen

Natürlich nahm ich mir Einiges für meinen Wiedereinstieg in der Schule vor. Zum Schuljahr 19/20 wollte ich wieder beginnen. Bereits vor den Sommerferien fand ein Gespräch mit meiner Schulleitung statt (die mittlerweile neu besetzt war). Ich sprach an, dass ich mich mehr in der Oberstufe sah und die Beratung um Lerncoaching erweitern wollte. Ich dachte dabei an smarte Zielformulierung und die Reflexion von Glaubenssätzen, damit die Schüler:innen mehr Eigenverantwortung übernehmen könnten.

Die Idee fand meine Schulleitung allerdings überhaupt nicht gut (genauso wenig wie sie meine Coachingausbildung gut hieß). Und so bat ich noch im selben Gespräch um meine Versetzung. So bin ich: Entweder ganz oder gar nicht. Ich mache keine halben Sachen.

Ich behaupte, es gibt keine Zufälle. In dem Moment, wo ich das Dienstzimmer der Schulleitung verließ, bekam ich eine Nachricht bei Facebook. Eine mir unbekannte Sabine Omarow fragte mich, ob ich als Expertin bei ihrem LRS-Kongress sprechen würde.

Ich? Expertin bei einem Kongress???

Ich freute mich riesig und sagte zu. Heute weiß ich: Schließt sich eine Tür, öffnet sich eine andere.

Misstrauen mir gegenüber vs. Vertrauen in mich selbst

Mein erster Arbeitstag nach der Elternzeit startete mit der Lehrerkonferenz zum neuen Schuljahr. Diese Konferenz war ein Tiefpunkt für mich. Denn die Schulleitung machte auch vor versammelter Mannschaft keinen Hehl aus ihrem Misstrauen mir gegenüber. Obwohl ich an diesem Ergebnis natürlich nicht unbeteiligt war (manches würde ich heute anders machen), fühlte sich das furchtbar an.

Seitdem beschäftige ich mich mit der Rolle der Schulleitung im Prozess von Schulentwicklung. Wie viel Potenzial kann im Kollegium freigesetzt werden, wenn es vertrauensvoll unterstützt wird? Wenn statt Misstrauen und Druck eine Kommunikation herrscht, die Lehrkräfte zu nächsten Schritten ermutigt und Weiterentwicklung ermöglicht? So wie wir die Beziehung zu unseren Schüler:innen zunehmend anders gestalten, müssen auch die Beziehungen der Erwachsenen verändert werden.

Meine Leseempfehlung für das Thema ‚Leadership‘

Eins nahm ich mir für dieses neue Schuljahr vor. Mein Lateinunterricht würde ab sofort nur noch nach der Birkenbihl-Methode laufen. Keine Vokabeltests mehr, ausschließlich die vier Schritte der Methode. Es war großartig! Mein Kurs und ich starteten das Projekt ‚gehirngerechtes Sprachenlernen‘ und fanden unseren Weg. Es machte großen Spaß und die Schülerinnen hatten Erfolgserlebnisse. In der Kategorie ‚gehirngerechtes Lernen‘ nehme ich dich mit auf unserer Reise.

Welche Schule kommt infrage?

Parallel suchte ich eine passende Schule in der Nähe. So gern ich an die Schule im Aufbruch gegangen wäre: Mehrere organisatorische Argumente sprachen dagegen. Durch den Beruf meines Mannes ist es so, dass ich unsere Kids morgens versorge und in die Betreuung bringe. Allzu weit durfte die Schule also nicht entfernt sein.

Heute kann ich sagen, dass ich noch kein richtiges Ziel hatte, sondern einfach nur weg von meiner bisherigen Schule wollte. Ich wählte zwei in der Nähe gelegene Schulen im ersten Versetzungsantrag. Er wurde abgelehnt.

So viel ich konnte, setzte ich vor Ort weiter um. Irgendwann würde meine Versetzung klappen, dachte ich, und den Kopf in den Sand zu stecken, ist nicht meine Art. Mein Blog wuchs weiter, meine Reichweite auch. Mein Netzwerk aus Menschen, die Schule ebenfalls verändern wollten, stärkte mich.

Freie Sicht

Das war auch nötig, denn die Kommunikation in der Schule wurde zunehmend seltsam. Ich erfuhr, dass Kolleg:innen über mich und meine Vorhaben sprachen. Und zwar nicht wohlwollend, sondern misstrauisch. Über meinen Blog wurde nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen. Das endete irgendwann darin, dass ich kaum noch ins Lehrerzimmer ging und mich auf meine Zeit mit den Schüler:innen konzentrierte.

Ganz spurlos ging diese Situation allerdings nicht an mir vorbei. Mein Nacken war dauerhaft verspannt und ich konnte monatelang nicht nach rechts schauen. Eigentlich ein passendes Bild: Mir fehlte im wahrsten Sinne des Wortes der Blick nach links und rechts auf meinem Weg. Wohin sollte ich gehen?

Da erfuhr ich von Gunda Frey, dass eine weitere ‚Schule im Aufbruch‘ in der Nähe an den Start gehen würde. Ich konnte mein Glück kaum fassen. Und von heute auf morgen waren meine Nackenschmerzen weg! Mir war sofort klar, dass ich irgendwie dorthin versetzt werden musste.

Eine Überraschung zu Jahresbeginn

Kurz darauf, Anfang 2020, war ich aber zu unserer Überraschung erneut schwanger. Bis Mai hielt ich im Distanzunterricht mit zwei Kleinkindern zuhause durch. Ich organisierte Zoom-Meetings mit meinen Kursen, erstellte Wochenpläne in Latein. Die Birkenbihl-Methode machte uns die Umstellung auf Distanzlernen leicht, weil sie selbstorganisiertes Lernen dadurch schon gewohnt waren. Körperlich kam ich aber an meine Grenzen und so begann im Mai mein dritter Mutterschutz.

Jetzt hatte ich Zeit, um mich auf die Geburt zu konzentrieren. Denn natürlich hatte ich zu Beginn der Schwangerschaft direkt Alina angerufen! Sie eröffnete mir, dass der Kreißsaal aktuell geschlossen sei, sie aber Hausgeburten begleiten würde. Ok, das hatte ich nun nicht auf dem Schirm. Aber wenn ich Alinas Begleitung wollte und der Schwangerschaftsverlauf dies zuließ…wir nahmen uns etwas Bedenkzeit.

Vorbereitung auf eine weitere selbstbestimmte Geburt

Bestärkt aus der zweiten Geburt und vor dem Hintergrund der Corona-Lage in den Krankenhäusern planten wir tatsächlich eine Geburt bei uns zuhause! Auch meine Ärztin unterstützte mich in dieser Entscheidung.

Ich bereitete mich intensiv vor: Der Podcast ‚die friedliche Geburt‘ war ein weiterer Augenöffner, ich arbeitete mit Visualisierungen und Meditationen. Denn Schmerzmittel würde es nicht geben 😉

Unsere Tochter stellte unsere Geduld auf eine harte Probe: 10 Tage nach dem errechnetem Geburtstermin kam sie bei uns zuhause auf die Welt. Ich bin zutiefst dankbar für diese Erfahrung. Sie hat mein Vertrauen in mich noch einmal gestärkt. Ich habe eine nahezu schmerzfreie Geburt ohne jegliche Intervention erlebt, weil all das erfüllt war, was dafür nötig ist: Ich konnte jederzeit das tun, was ich als passend empfand, fühlte mich sicher und wendete alle Strategien zur Entspannung an, die ich vorher trainiert hatte.

Selbstbestimmung fehlt sowohl in der Schule als auch in der Geburtshilfe

Bei den Themen ‚Geburt‘ und ‚Schule‘ haben wir uns auf ein gesellschaftlich akzeptiertes Niveau eingependelt.

  • Es ist normal, dass Schule blöd und Geburten schmerzhaft sind.
  • Beides müssen wir irgendwie hinter uns bringen.
  • Natürliche Prozesse werden künstlich gekappt oder beschleunigt.
  • Wir haben das Wissen und das Gespür dafür verloren, wie diese natürlichen Prozesse eigentlich ablaufen.
  • Entscheidungen werden für Menschen getroffen, die den Prozess selbst bestimmen oder zumindest daran beteiligt werden sollten.
  • Bildungssystem und Geburtshilfe laufen im Personalmangel, nötige Investitionen sind Fehlanzeige.

Doch das funktioniert in den meisten Fällen nicht, ohne einen hohen Preis dafür zu zahlen. Die Schlüssel auf beiden Seiten lauten Selbstbestimmung, Vertrauen in das, was natürlicherweise funktioniert und Begleitung, die ihren Namen verdient.

Mein Beitrag für mehr Selbstbestimmung im Schulsystem

Damit sich Lehrkräfte trauen, ihren Herzensthemen zu folgen und neue Ideen beziehungsstark umsetzen, begann ich im Sommer 2021 mit meinem ersten Online-Coachingkurs: All mein Wissen, meine Ideen und meine eigenen Schritte auf dem Weg zur beziehungsstarken Lernkultur bündele ich darin. Ich bin so glücklich, als Coach andere Lehrkräfte begleiten und empowern zu dürfen! Das ist meine Stellschraube, an der ich im System drehen kann.

In starken Beziehungen wachsen
Bist du bei der nächsten Runde dabei?

Auf zu neuen Ufern!

Zum Ende meiner Elternzeit wollte ich meinen zweiten Versetzungsantrag stellen. Wie schön es wäre, wenn ich an die Schule in der Nähe wechseln könnte, von der Gunda mir erzählt hatte!

So rief ich eines Morgens, während unsere Kleinste in der Trage schlief und die beiden Größeren nach dem Lockdown endlich wieder in die Kita gehen konnten, bei der Leitung meiner Wunschschule an. Ich wollte nichts unversucht lassen und herausfinden, ob man für mich Verwendung haben würde.

Leider hatte ich nämlich festgestellt, dass weder Latein noch Pädagogik angeboten wurde (Mathe unterrichtete ich aus Spaß an der Freud, aber es ist kein Examensfach)…was mir einen Dämpfer verpasst hatte. Aber ich rief trotzdem an: Wer wusste schon, was möglich wäre?

Am Telefon berichtete sie mir, dass beide Fächer nun eingeführt werden sollten. Mein Herz hüpfte! Und als es im Gespräch um meine Erfahrungen mit der Birkenbihl-Methode ging, erhielt ich das erste Mal eine unterstützende Reaktion seitens einer Schulleitung. Alles passte.

Nun fehlte mir nur noch die Freigabe meiner bisherigen Schule…und die bekam ich! Damit ging mein Traum in Erfüllung.

Die passende Lektüre zur Initiative!

Mein Neustart

Jetzt lerne und arbeite ich seit einem Monat an dieser Schule. Es ist ein Neustart und ich fühle mich wohl. Hier kann ich freier denken, ich bin willkommen und unter Gleichgesinnten.

Ich musste 33 Jahre alt werden, um selbstbestimmt, gut begleitet und voller Vertrauen in mich selbst einen persönlichen Quantensprung zu erleben, der mir wiederum den Mut und die Kraft gab, an meinen Plänen festzuhalten. Ich wünsche mir, dass unsere Schüler:innen nicht so lange dafür brauchen, weil wir ihnen in der Schule Raum geben, ihr Potenzial zu erkennen und zu nutzen.

Das ist mein erster Artikel in dieser neuen Blog-Kategorie. Ich möchte dich künftig mitnehmen und dir Einblicke geben in meine Arbeit an dieser besonderen Schule, die gleichzeitig eine ganz normale öffentliche Gesamtschule ist.

Was interessiert dich besonders an dieser Initiative? Stell‘ mir deine Fragen gerne und ich beantworte sie in einem der nächsten Artikel 🙂

Deine Ann-Marie
Mein Weg zur Schule im Aufbruch
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