Wenn im Unterricht die Wut an die Tür klopft

Wenn im Unterricht die Wut an die Tür klopft

Seit 60 Minuten versuche ich mir Gehör zu verschaffen. Für einige Minuten klappt das, dann kommt wieder Unruhe auf. So ganz habe ich eigentlich nie die Aufmerksamkeit von allen Kindern. Seit vier Wochen kennen wir uns jetzt, meine neuen Mathekids und ich. Hier habe ich schon viele Varianten erprobt, um ein produktives Miteinander herzustellen. Bisher noch ohne spürbare Fortschritte. Heute soll es jedoch einen großen Schritt Richtung Beziehung gehen…Denn gerade entlädt einer dieser Schüler viel angestaute Wut und tritt heftig mehrere Stühle um. Müsste ich nicht „obwohl“ statt „denn“ schreiben? Positiv klingt das ja erstmal nicht.

Diese Kinder und ich, das funktioniert nicht!

Ich bin zu diesem Zeitpunkt ebenfalls angesäuert, denn heute will hier so gar nichts klappen. Wenn ich sonst auch bei wuseligen Stunden innerlich ruhig bleibe, bin ich heute doch angespannt. Mir wird bewusst, dass ich den Anspruch an mich habe, unser Miteinander müsste nach vier Wochen besser klappen. ‚Diese Kinder und ich, das funktioniert einfach nicht!‘, denke ich. Da geht die Tür auf: Ben* kommt aus dem Trainingsraum zurück und ist schlecht drauf. Er will nicht mit mir sprechen. Ich gehe zu ihm an seinen Platz, das macht es aber nicht besser.

Irgendjemand muss da etwas Blödes gesagt haben, denn er steht auf und tritt wutentbrannt seinen Stuhl um. Ich spreche ihn an, er reagiert nicht. Stattdessen geht er zum nächsten Stuhl und kickt ihn um, zur Tafel und knallt sie zu. Er reagiert immer noch nicht auf mich, ich kann förmlich sehen, wie er alles rauslässt. Ich denke das Szenario weiter und fürchte, er hört nicht auf. Stattdessen werde ich ihn stoppen müssen. Ihn festhalten? Nein, wer weiß, wie er reagiert. Ich spüre richtig, wie ich mit dem Rücken zur Wand stehe und trete die Flucht nach vorne an.

Sowas darf mir nicht passieren!

So baue ich mich vor ihm auf und brülle mit voller Kraft auf ihn ein: „DU SETZT DICH JETZT SOFORT AUF DEINEN PLATZ! ICH GLAUBE, ES HACKT!“ Ich kann mich an keine Situation erinnern, in der ich mit solcher Energie gebrüllt hätte. Hier und jetzt sehe ich keine andere Option, denn auf dem Flur arbeiten Mitschüler und ich kenne Ben nicht gut genug, um zu wissen, ob er dort weiter wütet. Es scheint zu ihm durchzudringen, denn tatsächlich setzt er sich hin. Es brodelt noch immer in ihm, eigentlich muss er hier weg. Doch ich kann gerade keinen klaren Gedanken fassen. Ich bin erschrocken, voller Adrenalin und deshalb auch kurz vor den Tränen.

Ich muss hier sofort raus, denn ich muss wirklich weinen. Also breche ich eins der heiligen Lehrer-Gesetze, bevor ich den Raum verlasse. Warum auch immer ist unsere Sozialpädagogin in der Nähe und sieht mich. Sie geht also in die Klasse, während ich mich kurz sammeln kann. Ich zittere und kann nicht fassen, was da gerade passiert ist. Scheiße! Sowas darf mir nicht passieren! Ich weiß es doch viel besser. Und ich denke auch: Ist Ben total bescheuert?

„Ein Konflikt ist nicht das Ende, sondern erst der Anfang.“

Wir alle kennen diese Stimmung, wenn es einmal richtig geknallt hat und der erste Rauch verflogen ist. Als ich wieder reinkomme, wird bereits Schadensbegrenzung betrieben. Ich bekomme einzelne Entschuldigungs-Briefe, auch von Ben. Ich sage noch ein, zwei Sätze dazu, dann ist die Stunde um. Die Pause ist kurz und ich muss weiter zum nächsten Kurs. Aber ich halte noch im Lehrerzimmer an für den Bericht an die Klassenleitung. Das Gespräch tut gut, sie übernimmt die Kommunikation mit der Abteilungsleitung. Und sie hat gleich Unterricht in der Klasse und wird das Geschehen aufgreifen. Hätte ich mir mal Make Up eingepackt. Ich sehe leider drei Stunden später immer noch seltsam aus, denn ich werde gefragt, ob ich krank sei.

Puh! Wenn ich jetzt nie wieder einen Fuß in diese Klasse setzen wollte, bekäme ich bestimmt viel Zustimmung. Aber für mich hat sich nichts geändert. Ich will einen Weg finden, der für uns alle funktioniert, jetzt erst recht. Mir fällt ein Zitat ein: „Ein Konflikt ist nicht das Ende, sondern erst der Anfang.“ Zu manchen Zitaten brauche ich erst die Erfahrung, um sie wirklich zu verstehen. Es liegt an mir und den Kindern, ob es ein Anfang wird.

Ich war an der Wut-Dynamik beteiligt

Der Tag vergeht und ich kann immer mehr Puzzleteile zusammen setzen. Wie konnte es soweit kommen? Mich in Selbstmitleid oder Schuldgefühlen zu suhlen (schlechteste Lehrerin der Welt, furchtbare Kinder, überhaupt dieses System…), bringt mich nicht weiter. Es macht also keinen Sinn, die Klasse zu verteufeln, auch wenn ich selbstverständlich nicht will, dass Stühle fliegen. Ich kann meinen Opferstandpunkt relativ schnell verlassen und ‚von oben‘ auf die Mathestunde zurückschauen.

Mit mir als Person hatte Bens Wutausbruch nichts zu tun, da hätte auch Lehrer XY stehen können. Ich gehe die Stunde immer wieder durch und stelle fest, dass ich in meiner Lehrerin-Rolle an der Dynamik durchaus beteiligt war. Jedenfalls habe ich vorher nicht deeskalierend gewirkt. Wenn ich als Lehrerin für die Qualität der Beziehung zu meinen Schülern verantwortlich bin, bin ich also auch für diese Situation verantwortlich. Genauso wie Ben und jeder andere Schüler für ihr Verhalten 100% verantwortlich sind.

Wollen Lehrer wirklich ihren Anteil daran sehen?

Für mich ist diese Reflexion mittlerweile normal, ist sie das für alle Lehrer? Wollen Lehrer wirklich ihren Anteil an einem solchen Konflikt sehen? Normal wäre doch, die Sanktions-Maschinerie in Gang zu setzen, um Schüler wie Ben klein zu halten. Auf Schulebene hat seine Aktion Folgen nach sich gezogen; aber ich stehe auf dem Standpunkt, dass ich diese Sache mit ihm zu 100% vollständig machen will, sonst läuft uns das hinterher. Und obwohl meine Reaktion funktioniert hat, um ihn zu stoppen, könnte man von verbaler Gewalt sprechen. Auch ich war wütend. Wenn ich mein Brüllen nur als Abwehrreaktion rechtfertigen würde, würde ich nach dem Motto leben „Aber er hat doch angefangen!“. Das will ich nicht bei Schülern und das will ich selbst auch nicht.

In einem anderen Artikel habe ich schon einmal darüber geschrieben, dass nicht nur Klassenleitungen die Aufgabe der Beziehungsarbeit zukommt, sondern allen Fachlehrern ebenso. Diese Stunde ist ein gutes Beispiel dafür. Als Mathelehrerin kann ich z.B. Übungen zur Stärkung eines Wir-Gefühls einbringen, die im besten Fall sogar etwas mit Mathe zu tun haben. Und wenn der Fachbezug nicht gegeben ist, auch egal, denn der Effekt wirkt sich positiv auf den Unterricht aus.

Wieso war er überhaupt so wütend?

Wir führen am nächsten Tag ein Gespräch unter vier Augen. Auch Ben ist erschrocken, wie sehr seine Wut ihn im Griff hatte. Ich spreche an, dass es ein paar Situationen gab, in denen er in mein Blickfeld kam und ich nicht auf ihn eingegangen bin. Im Gegenteil, ich habe ihn abgewimmelt, weil parallel immer andere Dinge passierten. Ich habe sogar Öl ins Feuer gegossen, als ich mit einem Witz ursprünglich Auflockerung im Sinn hatte. Und schließlich sage ich: „Es tut mir leid, dass ich dich so angeschrien habe.“ Das ist mir wirklich wichtig. Denn selbst wenn er Grenzen überschritten hat und ich ihn gestoppt habe, habe auch ich in dem Moment seine Grenze überschritten.

Wir klären auf, wieso er überhaupt so sauer war. Der zentrale Konflikt mit Anderen ist mir nämlich völlig verborgen geblieben. Ein Klassiker: Schnell sind die auffälligen Kinder mit einem Stempel versehen, während so manche Strippenzieher unbemerkt weiter sticheln. Das wurde ihm schließlich zu viel und er sah ‚rot‘. Er war also derjenige, der für alle stellvertretend zeigte: ‚Nicht mit mir! So will ich das nicht!‘ Und ich kann seine Wut sogar verstehen. Ich bekomme auch die Krise, wenn ich mich ungerecht behandelt sehe. Zumindest für den Umgang mit der Wut müssen wir allerdings eine andere Lösung finden. Am Ende des Gesprächs können wir sogar wieder lachen.

Umgang mit der eigenen Wut

Ein Ergebnis der Stunde ist, dass wir unser Lehrerteam verstärken. So sind wir zu zweit in der Klasse und können Prozesse unterstützen und andere entschärfen, sodass es gar nicht erst hochkochen muss. Es gibt einfach mehrere Kinder dabei, für die die klassische Anordnung mit einem Lehrer nicht funktioniert. Und das funktioniert für mich wiederum nicht 😉 Wie schön es wäre, wenn wir in unseren Schulen für unsere unterschiedlichen Kinder auch mehrere Lehrkräfte hätten. Und das sehe ich völlig unabhängig von Inklusion. In der Theorie gibt es sowas, in der Praxis sieht das oft anders aus.

Es wäre auch ziemlich einfach, den schwarzen Peter den Kindern zuzuschieben. Letztlich bieten wir ihnen ein System, das nicht mehr passt. Und wenn wir dann unsere Unfähigkeit verschleiern, mit den nun auftretenden Problemen umzugehen, finde ich das unfair. Außerdem hilft uns der Anspruch nicht weiter, dass wir oder die Kinder nicht wütend sein dürfen. Das habe ich ja auch als Erstes über mich gedacht und mich damit selbst daran gehindert, genauer hin zu schauen.

Heißt das jetzt, dass Ben nie wieder wütend wird? Nein, sicher nicht. Seine Aufgabe ist nun, auf sich selbst zu achten und zu erkennen, wann er wie reagiert. Im Klassenraum ist das für ihn schwer. Wie ich feststellen durfte, ist es das für mich selbst auch. Für mich heißt es genauso wahrzunehmen, wann mein Stresslevel steigt. Ich weiß aber nun, wie ich für Ben frühzeitig eingreifen kann, sehe andere Beteiligte mehr und vor allem haben wir Zwei nun eine Geschichte, die uns verbindet. Dass sie nicht das Ende für uns bedeutete, liegt daran, wie ich und wir damit umgegangen sind.

*Ben heißt natürlich nicht Ben.

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3 Kommentare

  1. Danke für diesen tollen Beitrag! ich hatte am Wochenende ein Seminar mit Lehramtsstudenten an der Uni (LIEBLINGSFACH – Achtsamkeit macht Schule) und habe deinen Artikel für sie angehangen. Wunderbar! Danke von Herzen!

    1. Liebe Tina,
      wow, danke! Ich freue mich wie Bolle, dass durch dich Lehramtsstudenten davon erfahren! Und dass du mit ‚Lieblingsfach‘ auch an der Uni bist, ist so wichtig. So kann Achtsamkeit in Schulen kommen.

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