Was hindert uns daran, Achtsamkeit in die Schule zu bringen? Und wie kann Google dabei helfen?

Achtsamkeit Stolpersteine

Im Moment präsent sein, die eigenen Gedanken und Gefühle wahrnehmen. Das bedeutet für mich Achtsamkeit.   

Achtsamkeit boomt. In der Pandemie scheint es neben Selbstfürsorge ein großes Thema geworden zu sein. Auch in Schulen zieht sie langsam ein, so wird aktuell das Projekt ‚MeTAZeit‘ großzügig finanziell unterstützt. Schüler:innen lernen und erleben Wohlbefinden, Stressreduktion und Selbstfürsorge. Meditation, Training, Achtsamkeit und Energiepausen werden in den Stundenplan eingebaut. Ein großartiges Vorhaben!

Auch für Lehrer:innen entstehen neue Angebote, die sich um Selbstfürsorge und Achtsamkeit drehen. Das finde ich besonders wichtig, weil wir in unserem Beruf herausgefordert sind. Im Schulalltag ist es gar nicht so leicht, achtsam zu sein, im Moment zu sein.

Gibt es Stolpersteine auf dem Weg zu mehr Achtsamkeit in der Schule?

Erstens:

Zuallererst darf eine achtsame Haltung nicht dazu instrumentalisiert werden, die Leistungen der Schüler:innen und Lehrkräfte zu optimieren. Sätze wie ‚Sind die Noten schlecht, übe dich in Gefühlsmanagement‘ oder ‚Bist du nachts rastlos, lerne mit Stress umzugehen‘ suggerieren, dass genug Training diese Probleme löst und der Mensch dann wieder funktioniert bzw. die Ergebnisse stimmen. Dann ist es nicht mehr nötig, die Ursache des Problems, das eben häufig strukturell ist, anzugehen. Das kann nicht das Ziel sein.

Zweitens:

Wir sollten uns nicht auf Schüler:innen beschränken, sondern ebenfalls die Lehrkräfte ins Boot holen. Projekte wie ‚Empathie macht Schule‘ der dänischen Psychologin Helle Jensen sind dabei Vorreiter:

„Kinder lernen besser, wenn es den Erwachsenen gelingt, eine aufrichtige Beziehung zu ihnen aufzubauen. Dafür brauchen diese Erwachsenen Empathie, Klarheit und die Bereitschaft, schwierige Situationen zu reflektieren. Im Schulalltag ist das oft eine Herausforderung.“

(https://www.empathie-macht-schule.de/)

Nur wenn wir im Moment sind, können wir empathisch sein. Mit uns und unserem Gegenüber. Sind wir nicht im Moment, handeln wir aus einem Gefühlsautomatismus heraus.

Haben Lehrer:innen für sich bereits erkannt, dass ihnen starke Beziehungen in der Schule wichtig sind, stehen sie gleich vor einem weiteren Problem. Sie wollen ihre Schüler:innen sehen und ernstnehmen.

Andreas Reinke gibt zu bedenken:

„Zwischen ‚Ich sehe dich‘ und ‚ich übersehe mich‘ passt oft nur eine Briefmarke.“

VertrauensBildung, S. 157

Deshalb ist es so wichtig, dass wir Lehrkräfte den Weg der Achtsamkeit selbst gehen.

Wieso schrecken einige Lehrkräfte (noch) davor zurück, schwierige Situationen zu reflektieren?

Einerseits fürchten sie, auf unliebsame persönliche Themen zu treffen. Das ist selten angenehm, insbesondere wenn man nicht routiniert darin ist, den Blick auf sich selbst zu lenken. Sie haben ein Selbstbild, an dem sie festhalten wollen und haben Sorge, dass sie das nicht mehr aufrechterhalten können. Wer sich bisher über Leistungen definiert, empfindet das als besonders herausfordernd.

Neben diesem Selbstbild spielen auch Erwartungen von außen eine Rolle. Von Lehrkräften wird erwartet, dass sie keine negativen Gefühle zeigen.

  • Angst hat im Klassenraum nichts zu suchen. Schon im Referendariat wird uns eingetrichtert, dass die Schüler:innen unsere Angst spüren können und dann sei alles verloren.
  • Ärger und Wut sollen selbstverständlich auch nicht Überhand nehmen, weil sonst die Professionalität leidet.
  • Trauer ist zu menschlich, was wiederum den Autoritätsverlust steigert.

Wenn wir also darin geübt sind, Gefühle zu unterdrücken oder in ein professionelles Gewand zu hüllen, steht dem erstmal entgegen, den Blick achtsam nach innen zu richten.

Angst vor der Angst

Viele Lehrkräfte haben zudem Angst vor Selbstentwertung, wenn sie ihre gewohnten Verhaltens- und Gefühlsmuster verlassen. Wenn sie nämlich feststellen, dass diese Muster und Gewohnheiten weder ihnen noch den Schüler:innen dienen, hätten sie es schließlich bis zu diesem Punkt falsch gemacht. So denken sie jedenfalls.

Wie wäre stattdessen dieser Standpunkt: ‚Ich bin diesen Weg gegangen, damit ich heute neu wählen kann. Von meinem damaligen Standpunkt aus war es richtig für mich und ich wäre heute nicht hier, um mich neu zu entscheiden.‘

Neues Rollenverständnis

Lehrkräfte sind Führungskräfte. Dem wird beim Classroom-Management Beachtung geschenkt, allerdings beschränkt sich das oft darauf, Routinen und transparente Maßnahmen zu etablieren. Dass Classroom-Management auch davon abhängt, ob wir den Blick auf uns selbst lenken können, bleibt oft unerwähnt.

Wie wirken sich unsere Gefühle, unsere Reaktionen auf die Klasse aus? Welche Rolle spielt es, wie wir in emotionalen Situationen reagieren? Wie können wir lernen, empathisch zu bleiben?

Was hat Google damit zu tun?

Und hier kommt Google ins Spiel. Im Unternehmen wurde das Programm Search Inside Yourself eingeführt. Dabei geht es um Selbstwahrnehmung und Empathie. Das ist auch für Schulen spannend! Marc Lesser, der die Trainings bei Google geleitet hat, ist der Meinung:

„Führung hat so viel mit Beziehungen und Zusammenarbeit zu tun. Sie können in Führungsprogrammen jede Menge Prinzipien und Werkzeuge vermitteln, aber es gibt nichts zu den Fähigkeiten, zuzuhören, Dinge infrage zu stellen, Fehler einzugestehen und sich zu irren.“

Merc Lesser im Interview mit der Moment by Moment 02|2021

Mindful Leadership in der Schule

Die Fähigkeit, zuzuhören

Weil wir Schülerleistungen beurteilen sollen, hören wir im Gespräch mit Schüler:innen oft nicht urteilsfrei zu. Stattdessen haben wir eine Antwort im Kopf, die wir hören wollen. Sprechen wir mit Eltern, sieht es ähnlich aus. Welche Möglichkeiten gibt es da?

Den Schüler:innen Raum geben, sich mitzuteilen und ihre Gedanken und Gefühle zu äußern, ist eine weitere Möglichkeit. Wo können wir das einbauen?

Die Fähigkeit, Dinge infrage zu stellen

Marc Lesser schlägt diese Fragen vor:

„Was funktioniert? Was nicht? Wo fühle ich mich in Übereinstimmung mit dem, was ich tue? Inwieweit gibt es diese Übereinstimmung in Bezug darauf, was ich tue und wie ich arbeite, wie ich zuhöre, wie ich spreche? Und wo klafft beides auseinander?“

ebd.

Dann spricht er das Unbehagen an. Es tritt auf, wenn wir uns mit uns selbst und unserem Verhalten befassen:

„Bemerken Sie, wo es kreative Lücken zwischen Ihrer gegenwärtigen und gewünschten Situation gibt? In diesen Lücken steckt immer ein Unbehagen, das aber sehr nützlich sein kann.“

Und weiter:

„Bei allem, was wir tun, arbeiten wir zusammen in Teams; es geht darum, uns dem Unbehagen zu stellen, das wir empfinden, wenn wir uns nicht in Übereinstimmung mit unserer inneren Ausrichtung fühlen, und daran zu arbeiten, dass wir uns der Übereinstimmung annähern.

Das ist es! Es geht gar nicht darum, das Unbehagen zu vermeiden. Es geht darum, genau dahinzusehen, wo es ungemütlich für uns wird.

Dafür brauchen Lehrkräfte die Gewissheit, dass es nicht gegen sie verwendet wird, wenn sie sich öffnen. Es ist also nötig, dass wir unabhängige Angebote für Lehrkräfte einrichten, die sie zugleich ganz einfach nutzen können. Mir schwebt gerade ein Lehrercoach an jeder Schule vor, der oder die ausschließlich für die Kolleg:innen da ist. Schulsozialarbeit konzentriert sich auf alle Beteiligte, hier sollten wir ran.

Die Fähigkeit, Fehler einzugestehen und sich zu irren

Wenn wir in der Schule daran arbeiten, im Moment zu sein, wird das möglich. Es ist eigentlich faszinierend: In der freien Wirtschaft kann einer Führungskraft die Kündigung winken, wenn sie sich nicht weiterentwickelt oder wenn Ergebnisse nicht stimmen. Diese Angst müssten (verbeamtete) Lehrkräfte gar nicht haben…da muss schon Einiges im Argen liegen, bis das Dienstverhältnis aufgehoben wird.

So sehr es die Umstände auch erschweren mögen, Achtsamkeit in die Schule zu bringen, so leicht ist es doch für uns Lehrkräfte, Neues zu wagen und uns weiterzuentwickeln. Wir könnten unseren Status als Sprungbrett nutzen, statt als Hängematte. Für manche wird er zur Hängematte, weil auf der anderen Seite keine Belohnung dafür zu winken scheint. Macht doch keinen Unterschied, könnte man denken, ob wir Achtsamkeit leben, oder?

Naja, wenn wir uns selbst dadurch besser kennenlernen, unseren Beruf länger gesund ausüben können, starke soziale Beziehungen haben, den Kindern ein Growth Mindset mitgeben und nebenbei Schule verändern? Ist das ein Gewinn?

Challenge accepted

Ich für meinen Teil gehe los und spreche die Themen an, die für uns Lehrkräfte wichtig sind. Auch wenn sie nicht immer gemütlich sind. Ich mache es für uns und für die Kids. Bei allen Zweifen können wir uns fragen: Wofür lohnt es sich, es doch zu tun?

Deine Ann-Marie

P.S.: Am 6.1. kannst du den ersten Schritt zu mehr Achtsamkeit in der Schule mit mir gehen! Im Webinar „Raus aus dem Gefühlsautomatismus“ zeige ich dir einen Weg, wie du negative Gefühle in der Schule schneller hinter dir lässt und in den Lösungsmodus kommst. Hier kannst du dich kostenlos anmelden. Ich freue mich auf dich!

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