Sind Lehrer:innen und Eltern natürliche Feinde? Ein Blick auf das Lehrer-Eltern-Gespräch

Sind Eltern und Lehrer natürliche Feinde? Ein Blick auf das Lehrer-Eltern-Gespräch

Die Frage ist natürlich überspitzt formuliert. 😉

Wieso sind Elterngespräche in der Schule negativ besetzt?

Klar gibt es positive Gespräche, aber häufig begegnet mir eben ein anderes Bild:

Es gibt genug Literatur zu kaufen, die uns ein ‚gelingendes‘, ‚effektives‘ Elterngespräch in der Schule ‚ohne Stress‘ anpreist. Wenn ich mich als Lehrerin oder Mutter an DIE DREI wichtigen Tipps halte, dann klappt das schon mit dem Gegenüber.

Anlässe für ein Gespräch in der Schule außerhalb des Elternsprechtags sind meistens negativ. Oder wurden schon einmal Eltern in die Schule gerufen, weil es gerade so gut lief mit ihrem Kind? Und auch ein Elternabend kann schnell schief laufen.

Google schlägt übrigens folgende Suchanfragen vor, wenn ich „Eltern Lehrer“ eingebe:

  • Eltern Lehrer Konflikt
  • wenn Eltern Lehrer beleidigen
  • schwierige Gespräche mit Lehrern
  • wenn Eltern Lehrer belehren
  • darf man Lehrer kritisieren
  • wie kann man sich gegen Lehrer wehren
  • Umgang mit schwierigen Eltern Grundschule

„Du kennst den Klassenlehrer meiner Tochter nicht!“ oder „Die Eltern von Jakob sind wirklich schwierig!“ höre ich schon beide Seiten argumentieren.

Klar treffen wir überall Menschen, die wir doof finden und Dinge tun, die uns nicht gefallen. Doch wenn es um Lehrer:innen und Eltern geht, ist ein wirklich vertrauensvolles, positives Verhältnis eher eine Ausnahme. Schade eigentlich, denn in erster Linie geht das zu Lasten der Kinder. Und die werden das Misstrauen wahrscheinlich in die Schule ihrer zukünftigen Kinder weitertragen.

Die Elternsicht auf das Gespräch

Schauen wir uns das mal etwas genauer an.

Eltern kennen ihr Kind ziemlich lange 😉. Sie haben also nie nur die gegenwärtige Situation vor Augen, sondern bringen die Entwicklungsgeschichte mit in ein Gespräch. Diese Geschichte kennen Lehrer:innen meistens nicht – und wenn, dann nur die letzten Etappen seit der gemeinsamen Schulzeit. Das ist schon ein erster Knackpunkt.

Daraus entsteht sogleich ein zweites mögliches Problem. Eltern sind mit ihren Kindern emotional stärker verbunden als Lehrer:innen. Es sitzt mit ihrem Kind ja auch immer ein Stück von ihnen selbst auf dem Nachbarstuhl. Und wenn es nicht so gut läuft in der Schule wie erhofft, dann trifft mögliche Kritik Eltern direkt ins Herz. Vielleicht denken sie, sie haben etwas falsch gemacht, weil Manches nun nicht klappt.

Eltern im Schulkontext denken und handeln also ein Stück weit irrational.

Und schließlich wollen Eltern, dass ihr Kind sich in der Schule wohl fühlt und gut zurecht kommt. Schenkt man bestimmten Medienbeiträgen Glauben, gibt es vermehrt Eltern, die ihren Kindern jegliche unangenehme Erfahrung aktiv ersparen wollen. Dann wird die Schule, die man als Eltern nicht kontrollieren kann, automatisch zur Gefahrenzone. Ich glaube allerdings, dass es sich hierbei nicht um die Mehrheit handelt.

Die Lehrersicht auf das Gespräch

Eltern haben eine ganzheitliche Sicht auf das Kind, während Lehrer:innen eine eingeschränkte Sicht haben. Lehrkräfte haben mit Gruppen zu tun, Eltern mit einem bis vielleicht fünf Kindern. Der Fokus liegt also häufig bei der Gruppendynamik. Aus dieser Sicht heraus wird die Position der einzelnen Kinder betrachtet. Und die unterscheidet sich eben manchmal durchaus davon, wie es zuhause ist.

Neben diesem Fokus auf eine ganze Gruppe spielen selbstverständlich Vorgaben eine Rolle, wie man sie im Schulsystem en masse findet. Lehrer:innen sind Vertreter dieses Systems, auch wenn sie sich selbst schwer damit tun. Dazu gehört auch die sogenannte Selektion (mir persönlich stößt dieser Teil meines Jobs immer wieder sauer auf), weil Noten vergeben werden. Spätestens an diesem Punkt kommt die Eltern-Lehrer-Beziehung in eine Schieflage, es gibt ein Machtverhältnis.

Bleib im Schulalltag auf deinem beziehungsstarken Weg!

Viele Eltern wissen gar nicht, dass in der Lehrerausbildung Elterngespräche keine Rolle spielen. Es ist bescheuert. Aber tatsächlich starten Referendar:innen ohne theoretische und praktische Erfahrung darin und bringen es sich ohne Supervision selbst bei. Ich erinnere mich an ein Gespräch, das mein erfahrener Kollege in meinem Beisein sozusagen für mich übernommen hat. Die Klarheit und Verbindlichkeit, die er an den Tag legte, hatte ich als gerade gestartete Lehrerin einfach nicht.

Es kann also durchaus sein, dass Lehrer:innen in Elterngesprächen professionell wirken wollen, obwohl sie genauso wenig Ahnung von Gesprächsführung haben wie die Eltern! Das erzeugt Druck.

Was Lehrer:innen über Eltern denken

Auf Lehrerseite besteht vor Gesprächen mit Eltern die Sorge, ob sie wohl dem eigenen Standpunkt zustimmen und ‚mitarbeiten‘. Sie denken darüber nach, welche harten Fakten sie vorweisen können, um ihr Anliegen so objektiv wie möglich darzustellen (was es nie sein kann).

Wenn es um ein problematisches Verhalten des Kindes geht, fühlen sie förmlich das emotionale Glatteis, auf dem sie sich bewegen. Insgeheim unterstellen sie Eltern auch häufig ein Erziehungsversäumnis: Weil sie zuhause nicht die schulischen Werte teilen, klappt es dort nicht.

Wenn umgekehrt Eltern ein Gespräch wünschen, weil sie ihr Kind von der Lehrkraft ungerecht behandelt sehen, gehen viele Lehrer:innen in die Defensive und verweisen auf die vielen anderen Kinder, auf die es gleichzeitig zu achten gilt.

Kurz gesagt: Eltern werden von Lehrer:innen als emotionale und fordernde Egoisten gesehen.

Was Eltern über Lehrer:innen denken

Ich behaupte jetzt einfach mal, dass kaum eine Lehrkraft morgens aufsteht und sich vornimmt, den Job heute so richtig schlecht zu machen. Im Gegenteil. Innerhalb der gegebenen Möglichkeiten füllen die allermeisten Lehrer:innen ihren Spielraum aus. Und doch haftet unserer Zunft ein zumeist schlechter Ruf an.

Weiter oben habe ich die Aufgabe der Selektion angesprochen. Wenn also Lehrer:innen über Leistungen urteilen dürfen, dann erwarten Eltern, dass dies kompetent und fair abläuft. Zumal die eigenen Machtbefugnisse ’nur‘ dafür reichen, gegen eine Beurteilung Einspruch einzulegen. Da Eltern und Lehrer:innen aber unterschiedliche Sichtweisen auf dasselbe Kind haben, liegt ‚fair‘ doch oft im Auge des Betrachters.

Kurz gesagt: Lehrer :innen werden als unangreifbare Inquisitore gesehen, die bereit sind ihre Macht zu missbrauchen, wenn es drauf ankommt.

Sitzen also ein bis zwei Egoisten und ein Inquisitor an einem Tisch: Wir sehen schnell, in diesem Denken und Fühlen wird das nix.

Was könnte eine Lösung sein?

Beide Seiten haben das Wohl des Kindes im Blick. Das ist eine wichtige Gemeinsamkeit, die vor und während des Gesprächs immer wieder betont werden kann. Damit die eigene Meinung über das Gegenüber nicht das Gespräch dominiert, ist ein Perspektivenwechsel nötig.

Für Eltern

Ich ziehe mal einen Vergleich mit dem Zahnarztbesuch 😏 Ich sage meinem Zahnarzt nicht, welchen Bohrer er benutzen soll oder welche Therapie ich am geeignetsten fände. Aber dass ich Angst habe vor dem Bohren, das kann ich durchaus sagen.

Auf die Schule übertragen: Eltern sind keine Experten für methodische und didaktische Entscheidungen. Sie können aber immer für sich und ihr Kind sprechen, ohne daraus Konsequenzen für den Unterricht abzuleiten. So bringen sie ihre Stärke in das Gespräch ein, denn sie sind die Experten für ihr Kind. Folgende Fragen können hilfreich sein:

  • Welches konkrete Problem hat mein Kind?
  • Worin wird es nicht gesehen?
  • Was genau gefällt mir als Elternteil nicht im Umgang zwischen der Lehrkraft und meinem Kind?
  • Woran erkenne ich im Verhalten meines Kindes nach der Schule, dass etwas nicht stimmt?

Für Lehrer:innen

Wie wäre es, wenn Lehrer:innen die Eltern ebenfalls als Experten für ihr Kind sehen? Dann könnten sie bei Problemen in der Schule diesen Ansatz wählen:

„Bisher ist es mir nicht gelungen, einen Draht zu Ihrer Tochter/Ihrem Sohn aufzubauen. Was könnte ich tun?“

Damit machen wir nämlich deutlich, dass wir in der Verantwortung für die Beziehungsqualität zu unseren Schüler:innen sind. Wir sprechen mit den Eltern auf Augenhöhe.

Möglich sind auch Fragen wie „Ich erlebe Name des Kindes seit 4 oder 5 Wochen weniger aufgeschlossen als zuvor. Wie erleben Sie es zuhause?“

Ist das Kind beim Gespräch dabei, wie am Elternsprechtag, könnten wir das Kind selbst fragen: „Was brauchst du?“ (Zum Elternsprechtag habe ich einen eigenen Artikel verfasst.)

Das geht nur, wenn Lehrkräfte bereit sind, ihr eigenes Verhalten unter die Lupe zu nehmen und die Verantwortung für eine Situation nicht auf Kind und Eltern abzuwälzen.

Lust, den nächsten Elternsprechtag dafür zu nutzen, Vertrauen aufzubauen? Ob als Elternteil oder Lehrer:in: Wieso lohnt sich dieses Vertrauen für dich?

P.S.: Falls es ein Problem in Mathe geben sollte: Dafür habe ich einen Lösungsvorschlag aufgeschrieben.

Deine Ann-Marie
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