Schule ist sinnlos! Schule nervt!

Schule ist sinnlos

Der Vertretungsplan verrät mir: Heute fällt Deutsch in der 9e aus, ich bin die Vertretung. Ich nehme keine Arbeitsblätter mit, sondern eine Frage an die gesamte Klasse: „Wie beendet ihr den Satz ‚Schule ist…‘?“ Erst stocken die Jugendlichen etwas, denn sie wissen nicht so recht, ob sie ehrlich sein sollen und was ich von ihnen will. Spätestens wenn jemand sagt: ’sinnvoll‘ oder ‚wichtig‘, provoziere ich: „Nein, das glaube ich dir nicht!“ Und dann geht’s los. „Was kommt euch stattdessen in den Kopf?“

Schule ist scheiße! Ist doch normal!

Die meisten antworten schlicht und einfach: „Schule ist…scheiße!“ Und finden es seltsam, dass ich daraufhin sage: „Super, genau!“ Hä? Sammeln wir doch erstmal weiter, um richtig in Fahrt zu kommen; langweilig, sinnlos, überflüssig, nervig, anstrengend, Zwang…usw. All das schreibe ich an die Tafel. So wird Schule von den meisten Kindern und Jugendlichen eben wahrgenommen. Sehr selten wenden Manche ein, dass sie das nicht so sehen und gerne kommen. Umso besser, ihnen kommt später in der Stunde eine Rolle zu.

Zweiter Schritt, zweite Frage an alle: „Welche Ergebnisse habt ihr, wenn ihr so über Schule denkt?“ Spätestens jetzt sind alle aufmerksam dabei, denn es scheint irgendwie anders zu sein als das, was Vertretungsstunden zu bieten haben. Ich sammle an der Tafel: Langeweile, Stress, Müdigkeit, Angst, Mobbing(!), schlechte Noten, Streit, Antriebslosigkeit, Aggression, Wut…wohlgemerkt, ich kenne die Klasse seit 10 Minuten. Ich stimme wieder zu: „Genau. Diese Stimmung kennt jeder. Wenn wir das verallgemeinern, haben wir bei einem bestimmten Denken oder einem bestimmten Standpunkt auch die passenden Ergebnisse dazu. Mehr als Überleben ist da nicht drin, jeder guckt, wo er bleibt. Und das schlägt sich in euren Gefühlen, Noten und Beziehungen zu Mitschülern und Lehrern nieder. Übrigens: Viele Lehrer würden genau das gleiche antworten! Ist auch irgendwie normal.“

Für andere Ergebnisse brauchst du einen neuen Standpunkt

Dritte Frage: „Wofür würde es sich denn lohnen zu kommen? Welche Ergebnisse hättet ihr gerne, wenn ihr schon mal hier seid? Natürlich wissen das die Jugendlichen: spannender Unterricht, Spaß, Motivation, Wertschätzung, Freunde, coole Lehrer, Gemeinschaft, Begeisterung, etwas wirklich Interessantes lernen, gute Noten…“Also das Gegenteil von dem, was aktuell da ist, richtig?“, frage ich nach. Zustimmung auf Schülerseite.

„Jetzt kommen diejenigen von euch ins Spiel, die eben meinten, sie gehen gerne in die Schule. Kennt ihr die Dinge, die wir gerade genannt haben? Habt ihr z.B. gute Noten oder sogar Spaß?“ Vereinzeltes Kopfnicken. „Wir haben eben festgestellt, dass unser Denken mit unseren Ergebnissen zusammenhängt. Wie denkt ihr über Schule?“ Je nach Klima in der Klasse äußert sich die Minderheit mehr oder weniger ausführlich. Am Ende kommen wir an der Tafel jedenfalls auf folgendes: Schule ist…interessant, sinnvoll, inspirierend, spannend usw. Für diese Schüler ist es nicht nur Überleben, sie haben wirklich eine gute Zeit in der Schule.

„Nun zum Knackpunkt! Ihr wollt alle eine gute Zeit haben und die meisten denken zugleich, Schule ist mindestens sinnlos. Geht ja irgendwie nicht zusammen. Was jetzt?“ Jugendliche sind einfach großartig. Im Gegensatz zu Erwachsenen wissen sie den Weg: „Ich habe eine gute Zeit hier, wenn ich nicht mehr denke, dass Schule sinnlos ist! Ich ändere also mein Denken.“ – „Genau! Erwachsene hingegen wollen oft das alte Denken behalten und damit ein super Leben haben. Nach dem Motto: ‚Alles soll anders werden und so bleiben wie es ist.‘ Das funktioniert nicht.“

Wie du deinen Standpunkt ändern kannst

Da wendet ein Schüler ein: „Bescheiße ich mich nicht selbst, wenn ich dann so tue, als ob ich Schule gut finde?“ – „Ja! Das wäre wie ein Motivationsspruch vorm Spiegel, obwohl man nicht dran glaubt. Deshalb kommt dafür z.B. das Contextuelle Coaching zum Einsatz: Die Frage ist doch, wieso ihr überhaupt denkt, dass Schule sinnlos ist. Ihr seid ja so nicht in die 1. Klasse gegangen. Es hat ein oder mehrere Ereignisse gegeben, nach denen ihr das geschlussfolgert habt. Seit wann denkt ihr das also? Was ist passiert und dann dachtet ihr, Schule ist sinnlos?“

Die meisten Schüler wissen das. Oft fanden sie ein Lehrerverhalten unfair oder sie fühlten sich übersehen, herabgewürdigt oder bloßgestellt. Das muss von außen betrachtet keine große Sache gewesen sein, für das einzelne Kind war es das. Danach hat jeder genug Beweise dafür gesammelt, dass Schule sinnlos, nervig…ist, so als hätte jeder eine eigene Brille aufgesetzt, die alles daraufhin scannt.

Der Vorteil des bisherigen Standpunkts

Naja, und wenn wir ehrlich sind, bietet das normale Schulleben und der Umgang miteinander auch günstige Gelegenheiten dazu, wenn moralisch gepredigt, vorwurfsvoll gesprochen oder grenzüberschreitend gehandelt wird. Es gibt genug Baustellen für ein erfolgreiches und erfülltes Schulleben. Wenn aber jeder eine eigene Schlussfolgerung daraus zieht, dann kann Schule an sich nicht sinnlos, anstrengend und auch nicht sinnvoll sein. Sonst würden alle genau das Gleiche über Schule denken. Jeder beendet den Satz ‚Schule ist…‘ für sich und gibt Schule entsprechend Bedeutung.

„Eine negative Meinung über Schule zu haben, hat natürlich auch einen Zweck. Als Schüler will man sich damit schützen und erhofft sich dadurch, unangenehme Erfahrungen zu vermeiden. Wenn ihr z.B. in der Grundschule gerne mitgemacht habt und irgendwann dachtet, eure Idee oder euer Werk wird nicht wertgeschätzt, dann liegt der Schluss nahe, sich zurückzuziehen, damit das nicht noch einmal passiert. Das Problem dabei ist nur: Ihr nehmt das Ergebnis schon vorweg! Denn ihr habt allein durch eure negative Meinung schon eine eher schlechte Zeit in der Schule, ohne dass etwas passiert wäre.

Eine letzte Frage ist also: Wozu denkt ihr, dass Schule sinnlos ist? Was ermöglicht euch das?“ Wieder bin ich beeindruckt von der Klarheit der Jugendlichen. „Dann muss ich auch meine Aufgaben nicht machen, denn das ist ja sinnlos.“ „Ich darf mich oft beschweren, aber muss selbst nichts ändern.“ „Ich muss nicht im Unterricht mitmachen…“ – „Das heißt, alle haben eine super Ausrede dafür, wenn sie etwas nicht tun wollen. Das ist die Kehrseite der Medaille. Das ist auch ok, nur wenn ihr eine gute Zeit hier haben wollt, könnt ihr das nicht aufrecht erhalten“, fasse ich zusammen.

Bereit für ein Experiment?

„Jeder hat sich seine eigene Brille aufgesetzt, manche sehen dadurch Schule als sinnlos, andere als interessant. Mit diesem Wissen und vor dem Hintergrund der individuellen Situation, die Ausgangspunkt dafür war, kann jeder eine neue Brille aufsetzen. Seid ihr bereit für ein einwöchiges Experiment?

Ihr sammelt Beweise für einen neuen Standpunkt, z.B. ‚Schule ist interessant‘. Jeden Tag findet ihr einen noch so kleinen Beweis. Einfach ist das in einem Fach, das ihr gerne macht oder bei Lehrern, die ihr gut findet. Herausfordernd bei Fächern und Lehrern, wo es nicht so ist. Was könnte es dort geben, das euch interessiert? Spannend sind ja auch die Pausen! Wer oder was ist daran interessant? Ich bin phasenweise nur gerne in die Schule gegangen, weil ich eine ganz bestimmte Person in den Pausen sehen konnte ;). Das Experiment klappt nur, wenn ihr wirklich eine gute Schulzeit haben wollt und bereit seid, euer altes Denken zu hinterfragen. Nach dieser Woche entscheidet ihr, ob ihr weitermachen oder beim Alten bleiben wollt. Und wenn ich demnächst wieder als Vertretung bei euch bin, könnt ihr berichten!“ Tatsächlich wollen einige Schüler mitmachen. Und da ist die Stunde auch schon um, schön war’s!

Mich interessiert: Was hast du bisher über Schule gedacht? Und warum? Wie läuft das Experiment bei dir? Hinterlasse gerne einen Kommentar.

P.S.: Auf dem Foto steht auf schwedisch ‚Nutze den Tag‘ 🙂

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