Rückblick auf ein Jahr Fremdsprachen-Unterricht nach Birkenbihl

Jahresrückblick auf gehirngerechtes Lernen im Fremdsprachenunterricht

Vor einem Jahr startete ich enthusiastisch in die Vorbereitungen für einen ganz neuen, ganz anderen Unterricht. Zuvor hatte ich schon einmal das gehirngerechte Lernen nach Birkenbihl in einem Lateinkurs getestet. Dieses Mal bin ich zu 100% darauf umgestiegen und habe mit dem neu einsetzenden Kurs in Klasse 11 losgelegt. Ich kann vorwegnehmen: Es funktioniert und das sogar sehr gut! Egal für welche Fremdsprache, du kannst meine Erfahrungen auf deinen Unterricht übertragen.

Bisher habe ich hier sowohl über die Methode des gehirngerechten Sprachenlernens als auch über unsere Erfahrungen in der Praxis berichtet. Im Kern geht es darum, nichts mehr stur auswendig zu lernen. Nein, auch keine Vokabeln 😉 Falls du also jetzt das erste Mal reinliest, empfehle ich dir diese Artikel von mir:

Zahlen für Zweifler und Kritiker

Was Menschen nicht kennen, wird oft argwöhnisch von ihnen betrachtet. Das ist im Schulkontext sogar noch stärker ausgeprägt, weil Noten davon abhängen. Ich traf also auf wenig enthusiastische Reaktionen, als ich von meinem Vorhaben mit der Birkenbihl-Methode erzählte. Letztlich sind es Zahlen, die diese Menschen wiederum überzeugen. Und die können wir nun vorweisen 😉

Sowohl die Klausurergebnisse als auch die mündlichen Noten sprechen für sich. Bis zur coronabedingten Schulschließung Mitte März hatten wir drei Klausuren geschrieben, alle im Schnitt mit einer Eins vor dem Komma. Selbstverständlich habe ich mich an die formalen Vorgaben für Lateinklausuren gehalten, sodass sich daraus ein direkter Vergleich zum klassischen Vorgehen ergibt. In allen Klausuren haben die Schülerinnen das Zeitpensum (erst 45, dann 90 Minuten) locker geschafft. Manche haben sogar eher abgegeben. Als Lateinlehrerin kennt man das sonst nur, wenn SchülerInnen hoffnungslos zum Lehrerpult kommen, ohne viel bearbeitet zu haben. Es gab also nicht nur eine hohe Qualität der Ergebnisse, sondern auch eine entspanntere Lern- und Arbeitsatmosphäre.

Die mündlichen Noten blieben konstant und das auf einem sehr guten und guten Niveau. Sie setzen sich durch die neue Methode aus anderen Bestandteilen zusammen. Es gibt einige Bereiche, die ich schlicht nicht beurteilen kann, z.B. das Dekodieren eines neuen Lektionstextes, das aktive Hören im Unterricht oder Fliegenklatschen-Memory. So haben die Schülerinnen mehr beurteilungsfreie Zeit und ich wiederum öfter Gelegenheit, ihren Fortschritt zu beobachten. Auch das trägt enorm zu der entspannten Atmosphäre bei. In die mündlichen Noten fließen nunmehr aktive Phasen ein, z.B. die Aktivitäten (4. Schritt). Dazu zählt das Kategorisieren von Vokabeln in verschiedenen Settings, Stopplesen in Partnerarbeit, Rollenspiel, aber auch Grammatikübungen im Buch in Einzelarbeit.

Der Gruppenzusammenhalt wird gestärkt

Grundsätzlich habe ich den Austausch innerhalb dieser kleinen Lerngruppe als sehr gewinnbringend empfunden. Und es war für mich herausfordernd, nicht dazwischen zu funken! Wenn in einer Übung eine Vokabel unklar war, haben sich die Schülerinnen untereinander weitergeholfen. Übrigens gar nicht so selten folgendermaßen: „Was heißt nochmal ‚vocare‘?“ – „Tum Aulus vocat!“ – „Ach ja! ‚rufen‘!“ Genau das macht diese Methode aus. Denn die Vokabelbedeutungen werden im Satzzusammenhang gelernt und nicht isoliert gepaukt (‚vocare‘ – ‚rufen‘). Mir war es jedes Mal ein Fest, wenn ich daneben saß und überflüssig wurde.

Ich plädiere dafür, in größeren Lerngruppen grundsätzlich Gruppentische zu arrangieren, um den Austausch zu fördern. Da es weniger frontale Phasen in dieser Form von Unterricht gibt, ist dagegen nichts einzuwenden – selbst bei wuseligen Gruppen. Sie profitieren davon, dass jeder unterschiedlich lange bzw. häufig aktiv und passiv hören muss, bis der Inhalt verinnerlicht ist. Beim Stopplesen der Lektionstexte zu zweit bekommen sie direktes Feedback über ihren Stand, ohne dass sie laut vor der ganzen Klasse lesen müssen. Das Chorsprechen bietet ebenfalls Sicherheit für den Einzelnen. Und durch das Nachspielen des lateinischen Textes in einem Rollenspiel kommen alle miteinander in Kontakt. Den größten Effekt hat meiner und unserer Meinung nach aber das Fliegenklatschen-Memory, bei dem mit Spaß auch die 8./9. Stunde wie im Fluge vergeht.

Corona hat uns nicht aus dem Konzept gebracht

Arbeiten mit dem Wochenplan

Alle Schulen mussten spontan neue Konzepte dafür erarbeiten, wie sie in der Corona-Zeit weiter Unterricht machen sollten. Doch für mich und meinen Lateinkurs war das keine große Umstellung. Vorher waren das aktive und passive Hören regelmäßige Hausaufgaben gewesen. Diese beiden Schritte ersetzen ja das klassische Vokabel-Pauken. So hatte also jede Schülerin bereits Übung darin und ich habe lediglich im Wochenplan vorgegeben, welche Lektion gerade dran war. Ich habe also nach wie vor die Texte für sie eingelesen und jede Schülerin hat für sich festgelegt, wie oft sie den lateinischen Text mit der Dekodierung zuhause hört. Ob sie ausreichend gehört hat, konnte sie dann testen, indem sie auch ohne die Dekodierung den lateinischen Text verstand.

Ein Wochenplan aus der Corona-Zeit

Das passive Hören der kommenden Lektion oder des nächsten Textabschnitts läuft parallel zu Übungen der aktuellen Lektion. Also habe ich im Wochenplan die aktuelle Übung der Lektion 6.1 angegeben und zum passiven Hören die Lektion 6.2. Seit Lektion 3 haben wir jeden Lektionstext in zwei Teile geteilt, weil die Audioversion sonst zu lang wäre. Wie lange jede passiv hörte, war wieder jeder Schülerin überlassen.

Selbstkontrolle gewährleistet individuelles Lernen

Als Überprüfung dieses dritten Schritts habe ich eine Rückdekodierung und Wörterschlange (‚Ohne Punkt und Komma‘) erstellt:

Rückdekodierung
Wörterschlange

Bei der Rückdekodierung ist die Aufgabe, ohne Hilfe das lateinische Original einzutragen. Die Wörterschlange hingegen soll entwirrt und mit allen Satzzeichen versehen werden. Wenn diese Übungen klappen, ist der Schritt des passiven Hörens abgeschlossen. Jetzt (!) kann man z.B. mit der Grammatik der Lektion loslegen. Dazu habe ich Lernvideos mit Power-Point erstellt, auf die sie mit einem QR-Code Zugriff hatten. Vor Corona wäre das eine frontale Phase im Unterricht gewesen, an die sich dann wieder Übungen angeschlossen hätten.

In regelmäßigen Online-Meetings haben wir dann ihre Ergebnisse und Fragen besprochen. Übrigens hat sich herausgestellt, dass sich bei Zoom mithilfe der Breakout-Rooms auch Partner- und Kleingruppenarbeit super realisieren lässt! So konnten meine Schülerinnen weiterhin Stopplesen zu zweit oder zu dritt durchführen. Nur das Chorsprechen funktioniert online wirklich nicht 😉

Wenn du also an deiner Schule die Gunst der Stunde nutzen und selbst deinen Unterricht in Latein, Englisch, Französisch, Spanisch, Niederländisch …. nach Birkenbihl unterrichten möchtest, hast du sowohl für’s homeschooling als auch für den Präsenzunterricht eine großartige Chance! Und falls du als Elternteil davon in der Schule deines Kindes berichten willst, verweise gern auf meinen Blog 🙂

Weiterentwicklung fürs nächste Jahr

Nach einem Jahr mit Birkenbihl gibt es auf jeden Fall Punkte zur Weiterentwicklung. Besonders die Wochenplan-Arbeit lässt sich super in den Präsenzunterricht integrieren. So habe ich einen zeitlichen Überblick über das gesamte Jahr und Lernspektrum. Die Schülerinnen wissen immer, bis wann sie mit wie viel Investition die Lektionen hören. Für diejenigen, die weniger Zeit beim Hören benötigen, wären dann weiterführende oder vertiefende Übungen in einem differenzierenden Setting denkbar. So ergibt sich auf Dauer eher eine Art Stationenlernen auf verschiedenen Niveaus. Das habe ich auch bereits bei Karin Holenstein in ihren Videos aus der Schweiz gesehen. Ihre Arbeit empfehle ich sowieso, wenn du deinen Unterricht umstellen willst!

Außerdem hat sich herausgestellt, dass die Schülerinnen leicht auf die Audiodateien zugreifen können müssen. Es ergibt nicht viel Sinn, wenn sie haufenweise Audios auf ihren Handys abspeichern. Daher habe ich die Audiodateien auf einem Padlet hochgeladen, das sie sowohl zuhause als auch in der Schule nutzen können. So ist es ganz einfach, eine Lektion aus dem ersten Lernjahr passiv während einer Übungsphase zu hören und so die Vokabeln aufzufrischen. Auch das kann ich dir empfehlen, sobald du startest.

Feedback des Kurses zur Birkenbihl-Methode

Natürlich wollte ich von meinem Kurs wissen, wie sie auf dieses Lernjahr zurückblicken. Alle Sieben haben online an der kleinen Umfrage teilgenommen. Und alle Sieben würden wieder mit der Birkenbihl-Methode und dem Lehrbuch arbeiten wollen! Sie geben auch Gründe dafür an:

  • besseres und schnelleres Lernen und Behalten der Vokabeln,
  • einfaches Lernen,
  • Spaß,
  • keine lästige Paukerei.

Ungewohnt war für sie anfangs, dass sie die Texte so ausgiebig aktiv und passiv gehört haben. Einerseits das aktive Hören mit der Dekodierung, andererseits mein Audio-Gemurmel im Hintergrund beim passiven Hören. Tatsächlich würden sie an der Methode nichts verändern – außer noch mehr Spiele einzubauen ;).

Als Antwort auf effektive Übungen für Grammatikformen nennen sie

  • das Ball-Zuwerfen beim Formen Bilden,
  • hilfreiche Beispiele,
  • das Kategorisieren der Vokabeln nach bestimmten Kriterien,
  • die Aktivität ‚Ohne Punkt und Komma‘ (s.o.).

Für die Übung von Vokabeln und ihren Grundformen wiederum hat sich bei ihnen das Fliegenklatschen-Memory und Trimino bewährt; beim Trimino werden Dreiecke mit lateinischer und deutscher Bedeutung aneinandergelegt. Das gibt es bei unserem Lehrbuch im Zusatzmaterial. Auch die Rollenspiele, das Hören und die Dekodierung an sich, finden sie effektiv. Hurra!

Jetzt interessiert mich natürlich brennend, ob du mit im Boot bist, um mit der Birkenbihl-Methode eine neue Lernkultur an deiner Schule zu ermöglichen! Wenn du Fragen zur Umsetzung hast, scheib‘ mir gerne hier einen Kommentar oder eine Mail.

Deine Ann-Marie
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