Nur Kuschelpädagogik? Über Vorurteile

Nur Kuschelpädagogik? Über Vorurteile

In der Diskussion um den Umgang mit Schülern scheint es nur zwei große Pole zu geben: Entweder müssen Schüler durch die harte Schule durch oder sie tanzen ihre Namen. Und wenn sie Letzteres angeblich tun, wird es abschätzig geäußert. Erstens ist es unfair, Waldorfpädagogik auf Eurythmie zu reduzieren und zweitens verunmöglichen wir uns selbst damit, auf eine eigene Weise beziehungsorientiert zu arbeiten. Es geht heute um: Vorurteile.

Unnötiges Gedöns!

„Wollen wir ja gar nicht! Ist doch eh unnötiges Gedöns, dieses Beziehungsding!“ Hm. Wieso sollte denn ausgerechnet in Schulen Beziehung unwichtig sein? Ich würde behaupten, dass ich zu allen Menschen, mit denen ich meine Zeit verbringe, eine gute Beziehung haben will. Und da Schüler Menschen sind, schließe ich sie mit ein. Aber ja: Wer alle seine Felle davon schwimmen sieht, wenn Machtausübung und Belohnung/Bestrafung nicht mehr funktionieren, der kann diesem Ansatz nichts abgewinnen.

Wer Wertschätzung und Vertrauen für wichtig erachtet, sieht genauer hin und erkennt: Es gibt gar nicht den einen Weg oder die eine (private) Schulform, die das ermöglicht. Es liegt nicht am Schulprogramm oder an Reformen. Nur wir selbst können in unserem Umfeld einen Unterschied machen und im besten Fall andere dafür gewinnen. Ob dann öffentlich oder in freier Trägerschaft, ist letztlich nicht entscheidend. Es gibt beziehungsorientierte öffentliche genauso wie unbewegliche freie Schulen.

Beziehungsarbeit ist Kuschelpädagogik!

Interessant finde ich die Verknüpfung von Beziehungsarbeit mit ‚Kuschelpädagogik‘. Ich zähle ein paar Vorurteile auf, die mir in Büchern, Gesprächen und Artikeln begegnet sind:

Vorurteile: Lieb, freundlich, beliebt

  • 1: Konflikte mit und unter den Schülern werden vermieden. Alle sind immer lieb und nett zueinander.

Konflikte gibt es überall, wo Menschen aufeinander treffen. Das aufrecht zu erhalten, ist also unmöglich. Und weil wir auch in der Schule Menschen sind, sind wir auch ganz sicher nicht immer freundlich. Zur wertschätzenden Grundhaltung gehört dann aber auch die Wiederherstellung der Beziehung durch Ansprechen und/oder „Es tut mir leid“.

  • 2: Lehrer sind die neuen Freunde der Schüler, bei allen beliebt und total cool.

Funktioniert auch nicht, weil wir dann unseren Lehrerjob nicht machen. Dazu habe ich hier schon einmal meine Gedanken aufgeschrieben.

Vorurteile: Grundschule, Frauen, Gefühle

  • 3: Es ist nur für Grundschulen relevant.

Das verstehe ich erst recht nicht. Beziehungsorientierung ist nicht gleich Klangschale, Erzählteddy und Sitzkreis (was eine gute Möglichkeit zum Austausch ist). Sie ist eine Haltung, mit der ich auf Andere zugehe und ihnen zuerst etwas Positives unterstelle. Außerdem: Wenn wir zu 14-Jährigen keine Beziehung aufbauen, siehts oft düster aus! Sind nicht gerade die Kollegen und Kolleginnen in der Mittelstufe, die diese Fähigkeit zeigen? Da geht’s häufig darum, klar und zugleich empathisch zu sein. Jugendliche haben ja ihre ganz eigene Art, uns zu zeigen, was für sie gar nicht geht und auch, was gut geht! Und auch in der Oberstufe gibt es Einige, die nicht aufgeben, weil sie von ihren Lehrern ermutigt werden. Oder die bereits nach der 12 statt nach der 13 zufrieden abgehen, weil sie mit Lehrern und Eltern einen passenden anderen Weg gefunden haben.

  • 4: Das ist mehr was für Frauen, weil man dabei viel über Gefühle redet. (Deshalb ja auch Grundschule…)

Tatsächlich gehören Gefühle auch zum Umgang miteinander in der Schule dazu. Im normalen Modus überwiegen die negativen. Das überhaupt mal anzuerkennen, ist bereits ein großer Schritt hin zu einem natürlichen Miteinander, in dem auch wieder Freude, Glück und Leichtigkeit Platz haben. Dafür muss ‚man‘ keine Frau sein 😉

Es geht nicht darum, Gefühle z.B. durch Reden zu bashen, sondern sie einfach nur zu erlauben: Ich stimme erstmal zu, dass … Sara keine Lust auf Schule hat … Olivers Eltern verärgert sind wegen seines Zeugnisses … eine Kollegin meint, sie macht viel mehr Vertretung als andere … usw. So zu tun, als ob das alles nicht so sei, bringt niemanden weiter.

Der Anspruch, dass uns keiner doof findet

Eine Sache ist mir jedoch im Kopf geblieben! Und zwar der Anspruch, dass uns Schüler / Kollegen / Eltern bloß nicht doof finden sollen. Das ist für einige Referendare und auch examinierte Lehrer wirklich ein Problem. Denn sie wollen kontrollieren, worauf sie letztlich keinen Einfluss haben. Das ermüdet. Nehmen wir an, es könnte immer jemand doof finden, was ich gerade tue. Dann sollte ich am besten voll dahinter stehen. So können wir Ablehnung am besten ab. Das setzt voraus, dass ich weiß, was mir wichtig ist, was über meine Grenzen hinausgeht und was mir gut tut. Da sind wir wieder: persönliche Weiterentwicklung als Kernelement der Lehrer(aus)bildung!

Wenn wir also ganz ehrlich zu uns sind: Wie oft ziehen wir etwas nicht durch, weil wir nicht von Schülern, Kollegen oder Eltern dafür abgelehnt werden wollen? Und wie sehr ärgern wir uns anschließend darüber, dass wir nicht für unsere Idee / unser Ziel / unsere Meinung eingestanden haben? Beziehungsorientierung an weiterführenden Schulen ist noch ungewöhnlich und etwas, wofür ich auch Ablehnung erfahre. Aber das ist ok, weil ich davon überzeugt bin, dass sie für alle funktionieren kann.

Wofür lohnt es sich für dich, im Zweifel abgelehnt zu werden?

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