Ist Beziehungsarbeit nur Kuschelpädagogik? 5 Vorurteile und wieso sie nicht zutreffen

5 Vorurteile gegen Beziehungsarbeit in der Schule
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Kritik an Beziehungsorientierung in der Schule klingt oft so:

Schüler:innen müssen durch die harte Schule. Alles Andere fällt in die verachtungswürdige Kategorie ‚Namen tanzen‘.

Dahinter steht u.a. die Idee, dass öffentliche Schulen traditionell arbeiten und freie Schulen seltsam sind, weil da scheinbar Macht, Druck und Kontrolle fehlen. Und ohne das geht’s ja wohl nicht, oder?

Staatliche versus freie Schulen?

Wenn dir Wertschätzung und Vertrauen wichtig sind, erkennst du: Es gibt gar nicht den einen Weg oder die eine (private) Schulform, die das ermöglicht. Es liegt nicht am Schulprogramm oder an Reformen.

Nur du selbst kannst in deinem Umfeld einen Unterschied machen und im besten Fall andere dafür gewinnen. Ob dann öffentlich oder in freier Trägerschaft, ist letztlich nicht entscheidend. Es gibt beziehungsorientierte öffentliche genauso wie unbewegliche freie Schulen.

In diesem Artikel erfährst du, welche fünf Vorurteile gegen schulische Beziehungsarbeit häufig genannt werden und wieso sie nicht zutreffen.

Vorurteil 1: Beziehungsarbeit ist unnötiges Gedöns!

„Sowas wollen wir gar nicht! Ist doch eh unnötiges Gedöns, dieses Beziehungsding! Hier soll gelernt werden.

Ich wünsche mir so sehr, dass Bindungstheorie, Lern- und Entwicklungspsychologie zur Ausbildung gehören.

Der Zusammenhang von Lernen und Beziehungsqualität wird immer noch unterschätzt. Der Irrglaube, Lernen habe ausschließlich mit Disziplin und Strenge zu tun, schwirrt stattdessen in einigen Köpfen herum.

Tatsächlich ist es genau anders herum. Schüler:innen lernen nachhaltig, wenn ihre psychischen Grundbedürfnisse erfüllt sind. Dazu zählen nach Grawe die Bedürfnisse nach Lust & Unlust, Bindung, Orientierung & Kontrolle und das Bedürfnis nach Selbstwerterhöhung & Selbstwertschutz.

Aber ja: Wer alle seine Felle davon schwimmen sieht, wenn Machtausübung und Belohnung/Bestrafung nicht mehr funktionieren, der kann diesem Ansatz nichts abgewinnen. Dahinter stehen wiederum Bedürfnisse wie das nach Orientierung oder nach Sicherheit.

Es ist gar nicht einfach, neue Wege zu gehen, wenn du selbst in beziehungsverhindernden Schulstrukturen aufgewachsen bist. Entweder du übernimmst die Vergangenheit oder du entscheidest dich für Veränderung.

Interessant ist die Verknüpfung von Beziehungsarbeit und Kuschelpädagogik:

Vorurteil 2: Alle sind lieb zueinander, Konflikte werden vermieden

Konflikte gibt es überall, wo Menschen aufeinander treffen. Dieses Vorurteil aufrecht zu erhalten, ist also unmöglich.

In der Schule prallen unterschiedliche Interessen aufeinander. Allein deshalb geht es sicher nicht immer freundlich zu. Im Umgang mit verschiedenen Standpunkten können nicht nur die Heranwachsenden dazu lernen 😉

Zur wertschätzenden Grundhaltung gehört, dass du Konflikte klärst und dabei deine Rolle nicht unter den Teppich kehrst. Im Artikel Hast du dich heute schon bei deinen Schüler:innen entschuldigt? gehe ich genauer darauf ein.

By the way: Konfliktvermeidung ist ein Kennzeichen eines unsicheren Bindungstyps (nach Bowlby). Dass es keine Konflikte gibt, ist also kein Indikator für starke Beziehungen.

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Vorurteil 3: Lehrkräfte sind die neuen Freunde der Schüler:innen

Hier geht es um die Position, die Lehrkräfte besetzen und die Rolle, die sie ausfüllen. Weil beziehungsstarke Vorbilder fehlen, herrscht Unsicherheit darüber, wie es anders gehen kann. Manche fragen sich, wie sie denn reagieren könnten, wenn sie keinen Druck ausüben oder moralisch werden.

Dabei geht es um Macht und Machtausübung. Dazu habe ich im Artikel ‚Lehrer:innen haben die Macht‘ schon einmal meine Gedanken aufgeschrieben.

An dieser Stelle sei gesagt: Nicht Macht an sich ist schlecht, sondern was du mit ihr machst. (Wortspiel, haha)

Vorurteil 4: Beziehungsarbeit ist nur für Grundschulen relevant

Beziehungsorientierung ist nicht gleich Klangschale, Erzählteddy und Sitzkreis (was eine gute Möglichkeit zum Austausch für die Kleinen ist). Sie ist eine Haltung, mit der du auf andere zugehst und ihnen zuerst etwas Positives unterstellst. Das gilt z.B. auch für Schulleitungen im Umgang mit dem Kollegium.

In der weiterführenden Schule haben es die siebten, achten und neunten Klassen besonders schwer. Das Bedürfnis nach Autonomie ist riesig, Identitätsfindung und Umbauarbeiten im Gehirn lassen das Interesse an schulischen Inhalten sinken.

Das machen viele Lehrkräfte ihnen zum Vorwurf. (Wie du dieses Problem angehen kannst, liest du im Artikel ‚Lästerpäuschen im Lehrerzimmer – Wie sehen wir Jugendliche?‚)

Wenn wir zu 14-Jährigen keine Beziehung aufbauen, siehts oft düster aus! Sind nicht gerade die Kollegen und Kolleginnen in der Mittelstufe, die diese Fähigkeit zeigen? Da geht’s häufig darum, klar und zugleich empathisch zu sein.

Jugendliche haben ja ihre ganz eigene Art, uns zu zeigen, was für sie gar nicht geht und auch, was gut geht! In der Oberstufe gibt es einige Jugendliche, dienur dranbleiben, weil sie von ihren Lehrer:innen ermutigt werden. Oder die bereits nach der 12 statt nach der 13 zufrieden abgehen, weil sie mit Lehrer:innen und Eltern einen passenden anderen Weg gefunden haben.

Vorurteil 5: Beziehungsarbeit ist mehr was für Frauen, weil man dabei viel über Gefühle redet

Deshalb ja auch Grundschule 🧐…

Da greift wieder das verkürzte Bild vom Sitzkreis. Beziehungsarbeit erschöpft sich – wie erwähnt – nicht darin, Gefühle zu thematisieren. UND die Fähigkeit, die eigenen Gefühle wahrzunehmen und benennen zu können, fehlt sogar manchen Erwachsenen (ob Mann oder Frau liegt an der Sozialisation, nicht am Geschlecht!).

Dabei öffnet erst diese Wahrnehmung die Tür zu unseren eigenen Bedürfnissen und in diesem Zuge auch zu den Bedürfnissen der anderen.

Gewaltfreie Kommunikation nach M. Rosenberg setzt genau da an. Rosenberg setzte sich dafür ein, über Kommunikation ein friedliches Miteinander zu ermöglichen. Die Bedeutung der eigenen Gefühle und Bedürfnisse kann also in unserer heutigen Zeit gar nicht hoch genug sein.

Im ersten Schritt geht es in der beziehungsstarken Schule erstmal darum, Gefühle zu erlauben: Du stimmst erstmal zu, dass

… Sara keine Lust auf Schule hat.

… Olivers Eltern verärgert sind wegen seines Zeugnisses.

… eine Kollegin meint, sie macht viel mehr Vertretung als andere.

So zu tun, als ob das alles nicht so sei, frustriert alle Beteiligten.

Der Anspruch, dass dich keiner ablehnt

Eine Sache ist mir jedoch im Kopf geblieben! Und zwar der Anspruch, dass uns Schüler:innen / Kolleg:innen / Eltern bloß nicht ablehnen sollen. Das ist für einige Referendar:innen und auch examinierte Lehrkräfte wirklich ein Problem. Denn sie wollen kontrollieren, worauf sie letztlich keinen Einfluss haben. Das ermüdet.

Nehmen wir an, es könnte immer jemand doof finden, was du gerade tust. Immer. Dann solltest du am besten voll dahinter stehen. So kannst du Ablehnung am besten ab.

Das setzt voraus, dass du weißt, was dir wichtig ist, was über deine Grenzen hinausgeht und was dir gut tut. (Wenn du das umsetzen willst, buche meinen Kurs ‚Inspiriert Lehrerin sein‚!)

Wenn du also ganz ehrlich bist: Wie oft ziehst du etwas nicht durch, weil du nicht von anderen abgelehnt werden willst? Und wie sehr ärgerst du dich anschließend darüber, dass du nicht für deine Idee / dein Ziel / deine Meinung eingestanden bist?

Beziehungsorientierung an weiterführenden Schulen ist noch ungewöhnlich und etwas, wofür ich auch Ablehnung erfahre. Aber das ist ok, weil ich davon überzeugt bin, dass sie für alle funktionieren kann.

Wofür lohnt es sich für dich, im Zweifel abgelehnt zu werden?

Deine Ann-Marie

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