Du bist nicht deine Noten, du hast welche

Du bist nicht deine Noten, du hast welche

Gerade ist wieder das erste Schulhalbjahr um, es gibt Zeugnisse, für die allermeisten auch mit Noten. Bei den einen gehen schon die Alarmglocken an, ob das Umfeld wohl zufrieden damit ist, was man mit nach Hause bringt. Andere haben zwar keinen Stress mit den Noten, dafür aber mit den Strebersprüchen von der ersten Gruppe. Glücklich diejenigen, die sich einfach über ihre Zeugnisnoten freuen dürfen.

„Noten müssten eigentlich abgeschafft werden! Und überhaupt, das System…“, kommt es wie aus der Pistole geschossen. Es gibt einige Argumente für deren Abschaffung, betonen sie doch im Grunde das Verhältnis der Leistung zu der der Klassenkameraden und sind daher nicht allgemein vergleichbar. Manch einer würde hier höhnisch ergänzen, dass es ja wohl nicht um Leistung, sondern um Sympathie geht! Wie sonst könnte man in Kunst oder Sport eine Fünf bekommen?!

Du bist großartig, egal welche Noten du hast

Und da liegt auch schon ein Teil des Problems mit den Noten: Wir nehmen sie persönlich. Eine Eins in Englisch heißt dann übersetzt: Ich bin etwas wert, weil ich die Eins habe. Die Sechs in Erdkunde hingegen heißt: Ich bin nicht liebenswert, weil ich die Sechs habe. In beiden Fällen geht es dann nicht um das Ergebnis an sich. Du fühlst dich wie ein Sieger oder ein Verlierer, weil du das Ergebnis irgendwie bewertest.

Wenn ich bei einer Sache nicht müde werde, sie meinen SchülerInnen mitzuteilen, dann bei dieser: Du bist großartig, egal welche Noten du hast. Was du hast und was du bist, sind zwei verschiedene Paar Schuhe. (Leider lernen wir eher so was wie „Hast du was, bist du was“.)

Es ist höchst individuell, wie SchülerInen Noten auf sich beziehen. Meist zeigt es sich als Ende einer Kette von Ereignissen, aus denen jeder eine eigene Schlussfolgerung über sich gezogen hat (nichts wert / zu doof / unerwünscht zu sein…). Das muss nicht direkt mit der Schule zu tun haben, kann es aber. Und es ist nicht mal an ‚gute oder ’schlechte‘ Noten gekoppelt, denn eine Zwei ist für Schülerin A der scheinbare Beweis, dass sie doch etwas wert ist, während Schüler B sich sicher ist, zu doof zu sein, sonst hätte er ja eine Eins.

Es gibt auch SchülerInnen, die glauben, mit ihren Noten wären sie noch ‚besonderer‘ als alle anderen – als könnte man ‚besonders‘ noch steigern. Was denkst du über dich?

Wieso sind manche Noten schlecht?

Der andere Aspekt ist natürlich, wie das (gesellschaftliche) Umfeld mit Noten umgeht. Die Einteilung in vermeintlich gute und schlechte Noten kommt auch daher, dass die Konsequenzen als angenehm oder unangenehm empfunden werden. 10 Euro und Lob für eine Eins sind attraktiver als Handyverbot für eine Fünf oder sogar das Herausreißen aus der Klassengemeinschaft beim ‚Sitzenbleiben‘. (Allein schon dieses Wort!) Eltern und LehrerInnen haben auch immer die langfristigen Folgen im Kopf, weil sie dir später die besten Möglichkeiten wünschen.

Vielleicht aus dieser Sorge heraus, dass die berufliche Zukunft ihrer Kinder eingeschränkt sein könnte, reagieren sie moralisch mit Schuldzuweisungen und machen aus Ergebnissen schlechte Noten. Und das übernimmst du natürlich! Aber wie sollst du unterscheiden, ob nun die Note schlecht ist oder deine Person? Und dann beginnt der oben beschriebene Teufelskreis der Schlussfolgerung über die eigene Identität.

Erfolgsbewusstsein entwickeln oder Selbstbewusstsein?

Wird nur vermeintlich guten Noten positive Aufmerksamkeit geschenkt, ist es auch nicht viel besser, denn:

Wer aufgrund von Erfolgen selbstbewusst ist, hat kein SelbstBewusstsein, sondern nur ErfolgsBewusstsein.

(Stephan und Maria Craemer)

Der Umgang mit unerwünschten Ergebnissen ist jedoch so wichtig, um sich weiter zu entwickeln! Das gelingt nur, wenn du alle Ergebnisse – z.B. in Form von Noten – grundsätzlich haben darfst. Ich glaube, erst dann lernst du auch, dass es ok ist, in manchen Fächern schwächer zu sein und in anderen dafür stärker. Das macht Selbstbewusstsein doch aus.

Wenn wir nicht auf Ersatzschulen zurückgreifen oder das Land verlassen wollen, ist es erstmal so, dass die Noten bleiben. Wir brauchen also eine andere Haltung zu Noten, um nicht darauf warten zu müssen, dass das System umgekrempelt wird. Zu allererst ist die oben genannte Unterscheidung wichtig. Statt „Ich bin zu doof, weil ich eine Sechs in Erdkunde habe“ könntest du sagen: „Ich bin großartig UND ich habe eine Sechs in Erdkunde.“

Gleiches gilt für die Eltern und LehrerInnen im Umgang damit. So werden Person und Ergebnis entkoppelt. Es entstehen vielleicht auch schlechte Gefühle, sie dürfen aber auch wieder vergehen und eine Lösung gefunden werden.

Ohne Schuldgefühle nach einer Lösung suchen

Denn darin sind sich alle einig: Die unerwünschte Note soll möglichst nicht wieder unter der Arbeit oder auf dem Zeugnis stehen. Ohne Schuldgefühle ist es viel einfacher, nach der Ursache zu forschen, die bisherige Absicht herauszufinden und sich ein größeres Ziel zu setzen. Letztlich ist z.B. die Sechs in Erdkunde nur ein Ergebnis, das anzeigt: Wie man es bisher gemacht hat, erfüllt man die Vorgaben nicht, die der Lehrplan hergibt.

Es ist manchmal so, dass in nahezu allen Fächern Noten stehen, die einem nicht gefallen und die ein Lernen mit Erfolgserlebnissen fast unmöglich machen. Besonders in diesen Situationen ist es wichtig, ohne Schuld und Vorwurf eine Lösung zu finden, weil die Ursache ja meist schwieriger ist oder es mehrere zugleich gibt. Oft sind soziale oder gesundheitliche Probleme damit verknüpft und da nützt ein „Lern‘ doch mal mehr!“ wenig. Umso wichtiger ist es, wenn du dich auf deine Freunde, Familie und / oder LehrerInnen verlassen kannst und ihr gemeinsam hinschaut.

Welche Erfahrung hast du gemacht, die dir im Umgang mit Noten geholfen hat?

Deine Ann-Marie

P.S.: Für bessere Noten in den Fremdsprachen habe ich eine gute Idee: die gehirngerechte Methode nach Vera F. Birkenbihl! Dazu findest du in der Kategorie ‚gehirngerechtes Lernen‚ weitere Artikel – ich setze die Methode im Lateinunterricht ein.

Du bist nicht deine Noten, du hast welche.

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