Warum ich meinen Schülern kein Glück wünsche

Warum ich meinen Schülern kein Glück wünsche

Ja, so ist es, das tue ich nicht. Weder schreibe ich es unter Klausuraufgaben noch spreche ich es aus bei anderen Schulprüfungen oder Herausforderungen wie dem Führerschein. Meistens wünsche ich ihnen viel Erfolg. Einige halten mich für bekloppt, aber manchmal wünsche ich auch viel Spaß. Meine SchülerInnen brauchen nämlich kein Glück!

Glück bei gutem Ergebnis, Pech bei schlechtem Ergebnis

Es geht darum, wer oder was für das Ergebnis der Prüfung verantwortlich ist. Wovon sind SchülerInnen denn abhängig, wenn sie viel Glück brauchen? Von der Aufgabenstellung, dem Thema, dem Text, dem Material, der Lehrerin, dem Wochentag, der Uhrzeit….die Liste lässt sich endlos fortsetzen und zeigt, dass immer die Umstände bestimmen, was am Ende raus kommt. Deshalb fallen regelmäßig Sätze wie „Es ist genau das dran gekommen, was ich nicht gelernt habe“, „das Thema habe ich einfach nicht verstanden, das war Pech“, „Frau/Herr xy hat die Arbeit wohl extra schwer gestellt“, „In der 5. und 6. Stunde kann ich gar nicht mehr richtig denken“ usw. Bei der Führerscheinprüfung war halt der pingelige Prüfer schuld.

Wer ist verantwortlich, wenn das Ergebnis gefällt und wer, wenn es nicht gefällt? Die SchülerInnen jedenfalls nicht. Hat jemand ein gutes Ergebnis, hatte er Glück. Ist jemand nicht zufrieden, hatte er Pech oder zumindest weniger Glück als die anderen. Und diese anderen haben auch grundsätzlich nie gelernt! Alles wirkt dann irgendwie zufällig. Glück ist ja ähnlich wie Schicksal: Da kann man sich auch zurücklehnen und sein Pech-Schild hochhalten, weil es nicht vorbestimmt ist, was man sich gewünscht hat.

Irgendwann ist eine Anspruchshaltung da

Ich finde es schrecklich, wie wir als Lehrer im bestehenden System die Neugier unserer Kinder vergraben; das äußert sich nach einigen Schuljahren darin, dass sie gar keine Verbindung mehr zwischen sich und ihrem Tun sehen und von den Lehrern viel erwarten. „Stellen Sie die Arbeit bitte leicht!“ „Das müssen Sie mir nochmal erklären!“, „Sie müssen mir diese Fehlstunden entschuldigen, weil…“ und ähnliche Müssen-Forderungen. Eine unschöne Anspruchs- und Konsumentenhaltung haben wir da herangezüchtet. Und ich kann es ihnen nicht verdenken. Wenn es sinnlos und zufällig erscheint, was man ‚lernen‘ soll und es aber doch tun muss, kann man durchaus so denken und sein ‚Schülerschicksal‘ genervt hinnehmen. Doof nur, dass man sich dann als Opfer fühlt und höheren Mächten ausgeliefert.

Worin liegt der Unterschied bei Erfolg & Spaß?

Besonders für Weiterentwicklung funktionieren Glück und Schicksal nicht. Da brauchen SchülerInnen etwas, das sie selbst in der Hand haben. Und Erfolg – oder Spaß! – funktioniert dafür wesentlich besser. Beim Thema ‚Spaß‘ ernte ich meistens mitleidige oder sogar wütende Blicke, als würde ich die geheime Übereinkunft brechen, dass bei Prüfungen alle Angst haben müssen und eine bitterernste Stimmung notwendig ist. Dabei ist auch längst bewiesen, dass positive Emotionen leistungsfähiger machen. Und das ist auch meine Meinung: Es ist nur eine Prüfung; sie entscheidet selten über mein ganzes Leben. Naja, und so 3 Leute pro Kurs erreiche ich dann doch damit und die lächeln ehrlich zurück.

Ich möchte, dass meine SchülerInnen Selbstvertrauen haben. Aus der Psychologie weiß man, dass SchülerInnen ihre Ergebnisse unterschiedlich begründen (Attribution). Dabei kann die Ursache eher im Außen oder bei ihnen selbst gesehen werden. Es gibt SchülerInnen, die die Ursache für eine Note eher bei ihrer Leistung sehen, bei einer guten waren sie z.B. vorbereitet, bei einer schlechten nicht. Sie können oft ihre Leistungsfähigkeit gut einschätzen und haben Selbstvertrauen. Andersherum gilt bei wenig ausgeprägtem Selbstvertrauen eine schlechte Note als Beweis für die eigene Inkompetenz und eine gute eben als Beweis von Glück / Zufall, da liegt die Begründung für ein gutes Ergebnis im Außen. „Jedes blinde Huhn findet mal ein Korn“, höre ich LehrerInnen manchmal sagen. Ganz ehrlich, wer das zu oder über SchülerInnen sagt, hat echt seinen Beruf verfehlt. Schlimm genug, dass manche Kinder und Jugendliche das von sich selbst denken.

Verantwortung ist keine Schuld

‚Viel Erfolg!‘ unter Aufgaben oder beim Austeilen der Blätter ist nur ein kleiner Satz. Er gehört zu einer größeren Überzeugung, dass SchülerInnen – wie alle Menschen – für ihre Ergebnisse verantwortlich sind und niemand sonst. Damit meine ich nicht ‚Schuld‘, nach dem Motto: „Die Suppe hast du dir selbst eingelöffelt!“, sondern das Wissen darüber, dass ich selbst bestimme, wie ich auf Situationen reagiere. Anders als bei der Opferhaltung, wo nur bestimmte Reaktionen passen (der andere ist schuld, immer ich, nie ich…). Da hilft mir kein Glück, Zufall oder Schicksal, wenn ich durch die Führerscheinprüfung falle. Dann geht’s darum, was ich verbessern kann oder ob ich lieber Bahn fahren will. Geht ja auch, dauert nur oft länger.

In diesem Sinne: Viel Erfolg und viel Spaß!

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